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Zum Verhältnis von staatlichen und kirchlichen theologischen Fakultäten und über die Bedeutung der Augustana-Hochschule
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Hinweis: Das Forum wurde am 10. 12. 2003 geschlossen, da keine weiteren Beiträge eingegangen sind.
Gewissermaßen als Schlusswort können Auszüge eines Briefwechsels von Georg Merz
dienen, in dem von ihm als Gründer der Augustana-Hochschule im Jahre 1946 eine Auseinandersetzung um den Begriff der Studienfakultät und seine Anwendung auf die Augustana-Hochschule geführt wurde.
Das Material hat aus dem Archiv der Augustana Diplombibliothekar Armin Stephan zusammengestellt.
Forum zur Diskussion über das Verhältnis von staatlichen und kirchlichen theologischen Fakultäten und über die Bedeutung der Augustana-Hochschule
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Richtigstellungen und Bewertungen
zum Artikel „Wie Kain und Abel“ im Bayernteil der NN vom 29./30. 05. 2003 ![]()
Die Versuche des Münchner „Startheologen“ und Leibniz-Preisträgers Friedrich Wilhelm Graf, die Augustana-Hochschule mit zweifelhaften publizistischen Mitteln sturmreif zu schießen, gehen offenbar auch in dem Artikel „Wie Kain und Abel“ im Bayernteil der NN vom 29./30. 05. 2003 weiter, ja werden im Ton und in der Sache noch verschärft. Auch dieser von Michael Kasperowitsch verfasste und auf Recherchen bei F.W. Graf sowie dem Dekan der Erlanger Fakultät, Prof. Dr. Walter Sparn, beruhende Artikel enthält Unwahrheiten, Irreführungen und gezielte Schläge „unter die Gürtellinie“ , deren gröbste im folgenden sachlich richtig zu stellen und ansatzweise auch zu bewerten sind.
1. Wissenschaftlichkeit
In dem Artikel wird aufgrund von Einlassungen von F. W. Graf der Eindruck erweckt, als sei die Wissenschaftlichkeit der Augustana-Hochschule mit der staatlicher theologischer Fakultäten nicht zu vergleichen.
Dies ist falsch.
Die Wissenschaftlichkeit der Augustana-Hochschule bestimmt sich nicht nach der Meinung eines einzelnen Kollegen, sondern zunächst nach dem Bayerischen Hochschulgesetz, das für nichtstaatliche Hochschulen die gleichen wissenschaftlichen Standards fordert wie für staatliche Universitäten (vgl. Art. 109). In Art. 115a dieses Gesetzes wird der Augustana-Hochschule zusammen mit der Philosophischen Hochschule, Philosophische Fakultät SJ, München, und der Philosophisch-theologischen Hochschule der Salesianer Don Boscos, Benediktbeuern, das Promotions- und Habilitationsrecht verliehen; zudem sind dort die dabei zu beachtenden Verfahrensregeln festgelegt. Die Augustana-Hochschule wird darin ausdrücklich verpflichtet, zu ihren Promotionen ProfessorInnen staatlicher Universitäten beizuziehen. Bis in die jüngste Vergangenheit hinein haben u.a. auch Professoren der Fakultäten in Erlangen und München als Gutachter bzw. Mitglieder des Habilitationsausschusses an Verfahren der Augustana-Hochschule mitgewirkt.
2. Finanzierung
In dem Artikel wird behauptet, die Augustana-Hochschule nehme in unangemessener Weise staatliche Gelder in Anspruch (Zitat Graf: „Diese Leute bedienen sich satt beim Staat...“)
Dies entspricht nicht den Tatsachen.
Vom Gesamtbudget von etwa 2,5 Mio Euro sind weniger als 1 Mio Euro staatliche Zuschüsse, d.h. ein Anteil von etwa 40 %. Dies liegt um die Hälfte unter der Zuschussrate anderer nichtstaatlicher, kirchlicher Hochschulen und Fachhochschulen, wie etwa der „Katholischen Universität Eichstätt“ oder der „Evangelischen Fachhochschule“, die in Übereinstimmung mit dem Bayerischen Hochschulgesetz (Art. 116) und im staatlichen Interesse mit etwa 80 % bezuschusst werden. Um das Bild zu vervollständigen, ist hinzuzufügen, dass die staatlichen theologischen Fakultäten lt. Staatskirchenvertrag eingerichtet sind, um – neben den ReligionslehrInnen – vor allem den Pfarrernachwuchs der evang. Kirchen (vgl. Staatsvertrag Art. 5 Abs. I) auszubilden. Sie haben damit eine ähnlich kirchenbezogene Aufgabe wie die Augustana-Hochschule, werden aber zu 100% vom allgemeinen Steuerzahler unterhalten.
3. Status und Funktion von Herrn Pfarrer Dr. Helmut Ruhwandl
In dem Artikel wird behauptet, Herr Dr. Ruhwandl sei an die Augustana-Hochschule berufen worden und für die dort von ihm wahrgenommenen Aufgaben nicht hinreichend kompetent.
Beides entspricht nicht den Tatsachen.
Herr Dr. Ruhwandl ist der Augustana-Hochschule von der Kirchenleitung zugewiesen worden. Er ist nicht Angehöriger des satzungsmäßigen Lehrkörpers der Hochschule (also weder Professor noch Dozent oder wissenschaftlicher Assistent); er ist vielmehr Inhaber einer Projektstelle am Lehrstuhl für Systematische Theologie. In diesem Zusammenhang nimmt er auf Bitten der Hochschule und unter der Fachaufsicht des Lehrstuhlinhabers für Systematische Theologie, Herrn Prof. Dr. J. Track, einen Lehrauftrag in Sozialethik wahr. Herr Dr. Ruhwandl hat in diesem Fachgebiet promoviert und ist seit über einem Jahrzehnt regelmäßiger Prüfer im 1. Theologischen Examen (Theologische Aufnahmeprüfung) für das Fachgebiet Ethik. Menschlich schäbig ist es, Herrn Dr. Ruhwandl erneut mit der „Finanzaffäre vor drei Jahren“ in Verbindung zu bringen.
4. Ehrenpromotion eines Mitgliedes des Landeskirchenrats
In dem Artikel wird behauptet, die Ehren-Doktorwürde der Augustana-Hochschule sei einem Mitglied des Landeskirchenrates verliehen worden, das sich zuvor um ein Promotionsverfahren u.a. in Erlangen bemüht habe.
Diese Behauptung ist falsch.
Die AHS hat bisher an 7 Personen die Würde eines Doktors der Theologie h.c. verliehen: Prof. Dr. W. Joest, Erlangen (verstorben); Prof. Dr. W. Burkert, Zürich, Altertumswissenschaftler, Mitglied des Ordens Pour le Merite (wissenschaftliche Klasse); Dr. Edna Brocke, Leiterin der Alten Synagoge, Essen; Landesbischof i.R. von Loewenich; Oberkirchenrat i.R. H. Birkhölzer; Eva Zeller; Gerhard Wehr.
Der betreffende Ehrendoktor der Augustana-Hochschule war zum Zeitpunkt der Verleihung der Würde nicht mehr Mitglied des Landeskirchenrates. Er war und ist jedoch ein profilierter, kompetenter Theologe, der sich in seiner Amtszeit im Landekirchenrat in vielfältiger Weise um Forschung und Lehre der Theologie in Bayern (also auch in Erlangen und München) verdient gemacht hat. U.a. ist es nicht zuletzt ihm zu verdanken, dass es für Kandidatinnen und Kandidaten der Theologie bis heute keine Aufnahmesperre gibt. Tatsachen zu anderen Verfahren sind an der Augustana-Hochschule nicht bekannt. Es ist menschlich schäbig und rechtlich fragwürdig, sollten Interna aus zur Geheimhaltung verpflichteten Fakultätsgremien in die Öffentlichkeit lanciert worden sein.
5. Einflussnahmen des Landesbischofs auf Promotionsverfahren der Augustana-Hochschule
In dem Artikel wird „ein Dozent“ mit einer Einlassung zitiert, derzufolge der Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern auf Ehrenpromotionsverfahren der Augustana-Hochschule direkt Einfluss zu nehmen versucht hat.
Dies entspricht nicht den Tatsachen.
Keiner der drei seit Verleihung des Promotionsrechtes an die Augustana-Hochschule an die Spitze der Landeskirche gewählten Bischöfe hat je direkt oder indirekt auf Promotionsverfahren der Hochschule Einfluss zu nehmen versucht. Offensichtlich hat der Schreiber des Artikels nicht einmal versucht, die Behauptung bei den Landesbischöfen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern zu überprüfen. U.E. hat er damit die journalistische Sorgfaltspflicht in eklatanter Weise verletzt.
6. Zwischenprüfungsklausuren
Der Dekan der theologischen Fakultät der Universität Erlangen, Prof. Dr. Walter Sparn, wird in indirekter Rede mit der Behauptung zitiert „seines Wissens“ seien „Klausuren (scil. der theologischen Zwischenprüfung) „gelegentlich >zufällig< mit Übungsklausuren identisch.“
Diese Behauptung ist falsch.
Die Unterlagen der in den Klausurfächern unterrichtenden Kollegen einerseits und die durch den Prüfungsausschuss der Landeskirche andererseits gestellten Prüfungsthemen belegen, dass an der Augustana-Hochschule niemals mit den Zwischenprüfungsklausuren identische Übungsklausuren eingesetzt wurden oder werden. Den in den Klausurfächern unterrichtenden Kollegen, die sich um eine sorgfältige Ausbildung und Vorbereitung der Studierenden bemühen, wird mit dieser Behauptung – träfe sie denn zu – eine Verletzung ihrer Dienstpflichten unterstellt. Sollte diese Behauptung nicht umgehend und öffentlich widerrufen werden, würde sie u.E. den Straftatbestand der „üblen Nachrede“, bzw. der „Verleumdung“ darstellen.
7. Promotion von Frau Dr. Greiner
In dem Artikel wird der Eindruck erweckt, die Tatsache , dass Frau Oberkirchenrätin Dr. Greiner an der Augustana-Hochschule promoviert hat, würde ihr Vorgehen in der „Affäre Graf“ beeinflussen.
Dieser Eindruck ist falsch.
Frau Dr. Greiner ist 1997, also lange vor ihrer Berufung als Oberkirchenrätin, in Neuendettelsau promoviert worden; der auswärtige Gutachter war Professor Dr. Hans G. Ulrich, Erlangen. Übrigens erscheint ihre Doktorarbeit jetzt im Kohlhammer Verlag in 3. Auflage, was, wie bekannt, für Dissertationen die absolute Ausnahme ist und deren wissenschaftliche und theologische Qualität belegt.
AUGUSTANA-HOCHSCHULE
Offizielle Stellungnahme
Stellungnahme der Augustana-Hochschule Neuendettelsau zum Beitrag von Friedrich Wilhelm Graf
„Unkulturprotestantismus. Die bayerische Landeskirche auf dem Weg zur Sekte“
in der Süddeutschen Zeitung vom 03./04. Mai 2003
Auf Spiele von der Art, wer in welcher Liga spielt, möchten wir uns nicht einlassen. Das Argumentationsniveau des Beitrages des Kollegen Graf spricht für sich selbst.
Nötig aber sind einige Richtigstellungen:
1. Das Studium an der Augustana-Hochschule, so stellen wir die Augustana-Hochschule in unserem Vorlesungsverzeichnis vor, hat zum Ziel, „die Studierenden zu einem eigenständigen, verantwortlichen theologischen Reden und Handeln zu befähigen“. Als Campus-Hochschule fördert die Augustana-Hochschule die Begegnung unter den Studierenden und eröffnet eine Lehr- und Lerngemeinschaft, die auch neue Wege akademischen Lehrens und Lernens, die international seit langem etabliert sind, ermöglicht. Das schließt als Angebot auch die Theorie und Praxis der Spiritualität ein. Vertraute Formen der Frömmigkeitspraxis können gelebt, neue Formen erprobt und mit den im Studium gewonnenen theologischen Einsichten in Verbindung gebracht werden.
2. Die Gründung der Augustana-Hochschule im Jahr 1947 war von der Absicht bestimmt, in Forschung und Lehre eine wissenschaftliche Theologie zu betreiben, die sowohl im interdisziplinären Dialog mit den anderen Wissenschaften als auch in kritischer Reflexion kirchlicher und gesellschaftlicher Praxis realitätsbezogen, geschichtsbewusst und gegenwartsnah die Bedeutung des christlichen Glaubens zur Sprache bringt. Deshalb wurde auch die Nähe zu den kirchlichen Werken und Ausbildungseinrichtungen (z.B. Diakonie, Mission, Pastoralkolleg, Fort- und Weiterbildung) in Neuendettelsau gesucht. Getragen war die Gründung der Augustana-Hochschule nicht von der Absicht, die Freiheit der Forschung und Lehre zu begrenzen, sondern sie, auf dem Hintergrund der Erfahrungen in der Zeit des Nationalsozialismus, auch gegenüber staatlichen Eingriffen zu gewährleisten.
3. Alle Prüfungen, die zu einem landeskirchlich anerkannten Studienabschluss führen (die Abnahme der Zwischenprüfung, 1. Theologisches Examen), werden sowohl was die Themenstellung als auch was die Korrekturen der schriftlichen Arbeiten anbelangt, gemeinsam mit der Erlanger Theologischen Fakultät und mit der Evangelisch-Theologischen Fakultät in München durchgeführt. Da die theologischen Fakultäten in München und Erlangen über mehr Lehrstühle verfügen, sind die Mitglieder dieser Fakultäten häufiger in das Prüfungsgeschehen involviert als die Mitglieder der Augustana-Hochschule. Wenn es zu einer Absenkung des Prüfungsniveaus käme, stünden die beiden Fakultäten hier in besonderer Weise in der Verantwortung. Die an der Augustana-Hochschule stattfindenden Promotionen, Ehrenpromotionen und Habilitationen werden aufgrund von Ordnungen durchgeführt, die vom Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus genehmigt werden. Dies gilt ebenso für die beiden theologischen Fakultäten. Die Ordnungen für die beiden Fakultäten und die Augustana-Hochschule enthalten die gleichen Anforderungen und Verfahrensregeln.
4. So bleibt die Anfrage, warum wohl 64 % der Theologiestudierenden in Bayern an der Augustana-Hochschule studieren und die zentrale kirchliche Zwischenprüfung ablegen und nur 36 % (ungleichmäßig verteilt auf Erlangen und München) an den theologischen Fakultäten in München oder Erlangen. Merkwürdig und denkwürdig ist in diesem Zusammenhang, dass Graf, der in seinem Beitrag auch die Bayerische Landeskirche angreift, von derselben Kirche, der er vorwirft, die Freiheit der Wissenschaft zu gefährden, fordert, den wissenschaftlichen Wettbewerb und die geistige Auseinandersetzung zu beenden und die Augustana-Hochschule zu schließen. Nach unserer Auffassung verträgt sich ein solcher Vorschlag nicht mit einem aus wissenschaftlichem Geist kommenden Verständnis der Freiheit von Forschung und Lehre.
5. Der Sicherung von Lehrstühlen an der Münchner Evangelisch-Theologischen Fakultät ist nach unserer Auffassung wenig damit gedient, wenn versucht wird, dies durch Eigenlob einerseits und Herabsetzung der Augustana-Hochschule andererseits zu erreichen, einschließlich der Diffamierung der dort lehrenden Kollegen und Kolleginnen sowie aller Pfarrer und Pfarrerinnen, die an der Augustana-Hochschule studiert haben und heute in Kirche, Wissenschaft und Lehre Verantwortung tragen.
6. Die Münchner Theologische Fakultät hat sich inzwischen in einem Schreiben an die Augustana-Hochschule von dem Beitrag von Friedrich Wilhelm Graf „entschieden“ distanziert. Wir an der Augustana-Hochschule sind der Auffassung – und haben dies in Besprechungen mit Mitgliedern der Erlanger Theologischen Fakultät und der Münchner Evangelisch-Theologischen Fakultät zum Ausdruck gebracht –, dass es die wissenschaftliche Forschung und die theologische Ausbildung nur befördern kann, wenn die theologischen Fakultäten und die Augustana-Hochschule in ihrer gemeinsamen Verantwortung für Forschung und Lehre, für die theologische Bildung und Ausbildung und in ihren unterschiedlichen Akzentsetzungen in Forschung und Lehre erhalten bleiben.
Der Hochschulrat der Augustana-Hochschule am 16.05.2003
Prof. Dr. Peter L. Oesterreich, Rektor
Stud. theol. Johannes Späth, Sprecher der Studierendenschaft
Beiträge (letzte zuerst)
In MD 4/2003 gibt es jetzt als Nachklang der Debatte des Sommersemesters einen längeren Beitrag (5 Seiten, 3,1 MB als PDF) von Martin Schuck mit dem Titel:
Am 21. 7. 03 nahm Prof. Dr. Wolfgang Sommer zu dem Beitrag von Prof. Dr. Hanns Christof Brennecke
Stellung:
Hinweis: In der oben stehenden Überschrift wurden die Titel von Herrn Prof. Dr. Hanns Christof Brennecke erst heute (17. 9.) eingefügt. Das Homepage-Team bittet um Entschuldigung für dieses Versehen. Es bestand keinesfalls die Intention, die wissenschaftliche Leistung von Herrn Prof. Dr. Hanns Christof Brennecke schmälern zu wollen. Seine Titel waren aus dem verlinkten Text zu jedem Zeitpunkt erkennbar.
Zu Prof. Dr. Hanns Christof Brennecke, Mythen und Legenden. Logos. Sonntagsblatt-Beilage der Evangelischen Theologischen Fakultäten in Bayern 2/2003.
Es sei nichts als eine fromme Legende, dass die Kirchen sich wegen der Anf älligkeit der Fakultäten für die NS-Ideologie zur Gründung von eigenen Kirchlichen Hochschulen entschlossen hätten. Das ist die Hauptthese dieses Artikels, die den historischen Fakten nicht standhält. Die Neugründung Kirchlicher Hochschulen in der NS-Zeit war eine Antwort der Bekennenden Kirche auf die nationalsozialistische Hochschulpolitik im allgemeinen und insbesondere auf die Politik von Staat und Partei gegenüber den Theologischen Fakultäten. „Die Hochschulpolitik des "Dritten Reiches" setzte sich drei globale Reformziele: Schaffung eines neuen Typus von Professoren, eines neuen Typus von Studenten und eines neuen Typus von Wissenschaft.“ (Eike Wolgast, Nationalsozialistische Hochschulpolitik und die evangelisch-lutherischen Fakultäten). Das war der unbezweifelbar von außen kommende Hauptgrund. Auch das innere Selbstverständnis der Kirche verlangte in dieser Zeit nach einer Neuordnung des gesamten theologischen Aus- und Fortbildungsbereichs. So kam es schon in Barmen 1934 und in Augsburg 1935 zu wichtigen Beschlüssen, die in dem Satz gipfelten: „Die Synode macht es den Kirchenleitungen zur Pflicht, überall da, wo die Not es erfordert, für Ersatz solcher Vorlesungen und Übungen Sorge zu tragen, deren Besuch den Studenten um des Gewissens willen nicht zugemutet werden kann.“ Die Gründung Kirchlicher Hochschulen in der NS-Zeit war gewiss nicht nur eine Reaktion der Bekennenden Kirche auf die staatlichen Eingriffe in die Theologischen Fakultäten, aber es steht außer Frage, dass die Bekennende Kirche sich auf das in der deutschen Universitätsgeschichte völlig ungewöhnliche Experiment der Gründung Kirchlicher Hochschulen niemals eingelassen hätte, wenn die von außen kommenden staatlichen Zwangsmaßnahmen sie nicht dazu veranlasst hätten. Der Staat reagierte deshalb auch auf die Gründung Kirchlicher Hochschulen mit ihrer staatskirchenrechtlichen Illegalität und Kriminalisierung, so schon von Reichskirchenminister Kerrl im Dezember 1935 veranlasst und im sog. „Himmler-Erlaß“ vom 29. August 1937. Am 1. November 1935 wurde die „Kirchliche Hochschule für reformatorische Theologie“ mit ihren beiden Abteilungen Wuppertal-Elberfeld und Berlin eröffnet und noch am selben Tage vom Staat verboten.
Der erste Rektor der Augustana-Hochschule, Georg Merz, hielt 1935 in Würzburg ein „Referat zur Hochschulfrage“, in dem er die radikale Veränderung der Universität durch den Nationalsozialismus feststellte. Die vielbeschworene akademische Freiheit wurde zur politischen Propaganda umfunktioniert. Das betraf auch die Theologischen Fakultäten, die dem Staat als Werkzeug zur „kalten Politisierung“ der Kirche dienen. Bedenkenswert auch heute sind die Argumente von Merz gegenüber den Kritikern einer kirchlich-theologischen Ausbildung, die er dann in seinem Augustana-Eröffnungsvortrag von 1947 weiter konkretisierte: Der immer wieder in Anspruch genommene Rekurs auf die Reformation als Kampf für die Freiheit der Wissenschaft gegenüber jedem „Klerikalismus“ werde sich unweigerlich gegen ein solches Freiheitsverständnis selbst wenden. Wissenschaft und Bildung drohen nicht durch kirchliche Hochschulen ihre Freiheit zu verlieren, diese verlieren sie vielmehr durch deren Unterwerfung unter ein diktatorisches politisches Wissenschaftssystem. Die Kirche sei deshalb zur besonderen Verantwortung für die Freiheit von Bildung und Wissenschaft aufgerufen, indem sie selbst an der Ausbildung ihrer zukünftigen Pfarrer mitwirkt.
Auch heute noch ist es sinnvoll, sich an die Argumente zu erinnern, die gegen und für die Gründung Kirchlicher Hochschulen in der NS-Zeit vorgebracht wurden. Der damalige Bonner Neutestamentler Ethelbert Stauffer, aber auch Werner Elert in Erlangen, haben sich leidenschaftlich gegen die „Bildung von Kirchenseminarien“ als „geschichtliches Unglück“ gewandt: „Die Kirche der Reformation braucht die Hochschulfakultät und kämpft für sie. Wer auf das Seminar hinarbeitet, ist auf dem Wege zur Sekte oder Anstaltskirche. Der Sieg des Seminars aber wäre der Untergang des deutschen Pfarrhauses.“ Denn es würde „weltfremde, engbrüstige und engstirnige Brüder unter unseren jungen Theologen“ heranzüchten.
Georg Merz antwortete auf einen solchen Klerikalismusvorwurf mit den Worten: „Erlauben sich die Kirchlichen Hochschulen zu viel, wenn sie die staatlichen Fakultäten bitten, ihren Dienst als eine Mahnung anzunehmen, daß das theologische Lehramt in einem unmittelbaren Verhältnis zu der sich öffentlich darstellenden Kirche stehen müßte? Unternehmungen, die der evangelischen Freiheit dienen, erscheinen manchmal in der Gestalt der Klerikalisierung. Unsere scheinbare Flucht dient der gelehrten Bildung.“
In Kontinuität zu Adolf Schlatter hat bekanntlich Georg Merz dezidiert die Ergänzungsthese im Verhältnis der Kirchlichen Hochschulen zu den Theologischen Fakultäten vertreten im Gegenüber zu der Ersatzlösung, die damals von Seiten der reformierten Synode und des altpreußischen Bruderrates vertreten wurde. Diese Ergänzungshypothese von Merz war das genaue Gegenteil einer Aufgabe der akademischen Bildung zugunsten einer rein praktisch orientierten Ausbildung. Am Leitbild der alten Universität orientierte sich seine „kirchliche Lebensgemeinschaft“, indem er die „innerkirchliche universitas“ von Diakonie, Mission, Liturgie und Gemeinde als notwendige Ergänzung zur „universitas literarum“ des akademischen Theologiestudiums verstand. Der enzyklopädisch gebildete und interessierte Georg Merz formulierte 1947: „Wer einmal dieses Hochgefühl genossen hat, daß ihm alle Tore des Wissens von freigiebigen Händen aufgetragen und eine Fülle von Schätzen zum freien Gebrauch geboten wurden, der weiß, welches Gut unsere Universitäten sind, und er wäre ein Tor, wenn er die Kirchlichen Hochschulen anders verstehen wollte denn als Ergänzung eines solchen Studiums, so lange es geboten wird.“
Gewiss ist die heutige Situation grundlegend anders als zur Zeit des Nationalsozialismus. Aber der zeitgeschichtliche Entstehungshintergrund Kirchlicher Hochschulen in Deutschland hat in verwandelter Gestalt auch heute noch erhebliche Bedeutung. Die Ergänzung des hauptsächlich an staatlichen Universitäten stattfindenden Theologiestudiums im Rahmen einer Campus-Hochschule erhält ihren Sinn zunächst aus der unterschiedlichen Gesamtstruktur, in der hier das Studium und das Leben der Dozierenden und Studierenden gegenüber der Universität sich vollzieht. Daraus ergeben sich mancherlei Vorteile, gewiss jedoch auch Nachteile, so dass der Wechsel von der einen zu der anderen Hochschulart dringend geboten ist. Darüber hinaus sollte aber aus den Erfahrungen der Diktaturen des 20. Jahrhunderts und der neueren Geschichte des Verhältnisses von Staat und Kirche heute und in Zukunft wahrhaftig einsichtig sein, dass die Kirche selbst ihrer Verantwortung und Pflicht nachzukommen hat, an theologischer Forschung und theologischer Ausbildung mitzuwirken. Dafür stehen die Kirchlichen Hochschulen heute und in Zukunft. (Über die Kirchlichen Hochschulen im Nationalsozialismus und insbesondere über Georg Merz informiert umfassend: Manacnuc M. Lichtenfeld, Georg Merz - Pastoraltheologe zwischen den Zeiten, Gütersloh 1997).
Prof. Dr. Wolfgang Sommer
Am 14. 7. erschien in der FAZ ein Leserbrief (zu dem Artikel von Heike Schmoll) von Prof. Dr. Oda Wischmeyer (PDF-Format) 
Logos - Sonntagsblatt-Beilage der Evangelischen Theologischen Fakultäten in Bayern Nr. 2
vom 6. Juli 2003 (PDF-Format):
- Vorwort von Prof. Johanna Haberer, Erlangen

- Prof. Dr. Michael Schibilsky, München: Quo vadis?

- Florian Höhne, Erlangen: Anpfiff

- Prof. Dr. Helmut Utzschneider, Neuendettelsau: Theologie und "Bärentatze"

- Prof. Dr. Hanns Christof Brennecke, Erlangen: Mythen und Legenden

- Dr. Dorothea Greiner, München: 5 Thesen

In den Nachrichten der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Heft 6/2003, Seite 193, steht der folgende Bericht:
"Polemik von Leibniz-Preisträger Graf zurückgewiesen"
"Unter Beschuss aus den eigenen Reihen gerät der Münchner evangelische Theologieprofessor Friedrich Wilhelm Graf, der in der "Süddeutschen Zeitung" die Schließung der Kirchlichen Hochschule Neuendettelsau der bayerischen Landeskirche gefordert hatte. Die Evangelisch-Theologische Fakultät, an der Graf seit 1999 den Lehrstuhl für Systematische Theologie und Ethik innehat, distanzierte sich "entschieden" von der polemisch vorgebrachten Forderung Grafs, der die Ausbildung in Neuendettelsau als "Klerikalliga Süd" bezeichnet hat, während die Münchner Theologieprofessoren "auf den vorderen Plätzen der akademischen Bundesliga spielen"."
"Der Theologe Graf, der unter anderem mit dem Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft ausgezeichnet worden ist, habe das notwendige Gespräch zwischen Freistaat und Kirchen um die Zukunft der Theologischen Fakultäten "nicht gerade erleichtert", sagte der Dekan der Evangelisch-Theologischen Fakultät, Professor Jan Rohls, gegenüber epd."
In einem Leserbrief an die FAZ vom 26. 6. 03 (gedruckt am 12. 7. 03!) antwortete Prof. Dr. Wolfgang Sommer (Neuendettelsau) auf den Artikel von Heike Schmoll in der FAZ vom 23. 6. 03:
Zu Heike Schmoll: „Mehr als ein Theologendisput“ in der FAZ vom 23.06.03
Jahrzehntelang war das Studium der evangelischen Theologie in Bayern an der Traditionsfakultät Erlangen, der 1947 gegründeten Augustana-Hochschule Neuendettelsau und der 1968 auf ausdrücklichen Wunsch der Landeskirche errichteten Theologischen Fakultät der Universität München von kollegialer Zusammenarbeit bei Prüfungen und von wissenschaftlicher Kooperation geprägt. Das unterschiedliche Nebeneinander zweier Theologischer Fakultäten und einer Kirchlichen Hochschule existierte jedoch nie ohne belebende Konkurrenz. Das allerdings hat sich seit einigen Jahren wesentlich verändert. Grund für den seit einigen Wochen offen ausgebrochenen Streit ist allein der rasante Rückgang der Zahl der Theologiestudierenden sowie die immer knapper werdenden Finanzen.
Vom Geld ist auch im Artikel von Heike Schmoll ausführlich die Rede. Der eigentliche Anlaß für die Kontroverse wird jedoch nicht genannt. Dieser liegt in einem Bericht des Bayerischen Rechnungshofes von 2002 vor, in dem es heißt, daß die Zahl der evangelischen Theologiestudierenden im Hauptstudiengang „Kirchliche Prüfung“ (ohne Lehramtsstudierende) in München und Erlangen vom WS 1986/87 bis WS 2001/02 um 78 %, in absoluten Zahlen von 1024 auf 223, zurückgegangen ist. Der Bericht fährt fort: „An der kirchlichen Augustana-Hochschule in Neuendettelsau, an der ebenfalls der Hauptstudiengang "Kirchliche Prüfung" studiert werden kann, fiel der Studentenrückgang mit insgesamt 37 % wesentlich geringer aus. In Neuendettelsau studierten im WS 2001/02 bereits 35 % der bayerischen Studenten des Studienganges "Kirchliche Prüfung". Die kirchliche Hochschule bietet den Studiengang mit einer Personalausstattung von 7 Professoren an, während für die übrigen Studenten (65 %) derzeit 32 Professoren zur Verfügung stehen.“ (18 in Erlangen, 14 in München).
Es ist verständlich, daß danach die Alarmglocken schrillten! Anstatt sich jedoch angesichts dieses alarmierenden Fazits um sinnvolle Synergie-Effekte zu bemühen, ging eine gezielte Kampagne eines Münchner Kollegen mit unqualifizierten und unhaltbaren Attacken gegen die Augustana-Hochschule los, der sich in einem Artikel in der Fränkischen Landeszeitung auch teilweise der Dekan der Erlanger Fakultät anschloß. Leider werden in dem Artikel von Heike Schmoll wiederum unrichtige Behauptungen aufgestellt. Irreführend sind zunächst ihre Angaben über die Staatsleistungen. Diese sind in der Tat für die Augustana-Hochschule seit 2002 auf 990 000 € (bei einem Gesamtetat von ca. 2,5 Mill. €, der sich durch Sparmaßnahmen um 12,5 % reduzieren wird), erhöht worden. Demgegenüber betrugen die vom Staat zu lei-stenden Personalvollkosten 2002 pro Jahr für Erlangen 5,2 und für München 4,2 Mill. €. Die Erhöhung der Staatsleistungen für die Augustana nimmt sich dagegen als durchaus bescheiden aus.
Verständlicherweise wurde der Konkurrenzdruck besonders dadurch verschärft, daß seit Jahren mehr Pfarramtsstudierende ihr Studium in Neuendettelsau aufnehmen als jeweils in München oder Erlangen. 64 % der bayerischen Theologiestudierenden legen deshalb auch die Zwischenprüfung an der Augustana-Hochschule ab, nur 36 % an den beiden staatlichen Fakultäten. Ich habe dies nicht zu bewerten, aber die Kirchliche Hochschule deshalb mit Unterstellungen und falschen Behauptungen abzuwerten, offenbart unschönen Konkurrenzneid. Besteht die Effektivität einer Hochschule nur im Drittmitteleinwerbungen und DFG-Projekten? Die wissenschaftlichen Veröffentlichungen der Professoren der Augustana-Hochschule können sich in allen Disziplinen wahrhaftig sehen lassen, was Fachvertreter bestätigen. An einer Campus-Hochschule hat die Lehre einen besonderen Vorrang. In meiner reformationsgeschichtlichen Vorlesung im vergangenen WS hatten sich 60 Pfarramtsstudierende und 5 Gasthörer eingetragen. (Bis hier in der FAZ als Leserbrief gedruckt!)
Was die behauptete besondere Bindung der Augustana an die bayerische Landeskirche betrifft, ist klarzustellen, daß eine Bevorzugung der Studierenden aus Neuendettelsau völlig der Tatsachen entbehrt. Mit besonderem Nachdruck muß auch die Unterstellung zurückgewiesen werden, daß ein Mitglied des Landeskirchenrates von unserer Hochschule mit einer unklaren Vorgeschichte ehrenpromoviert wurde. Diese Aussage entspricht nicht den Tatsachen. Auf welche Recherchen kann sich eine solche Behauptung stützen? Nur Fakultätsgremien haben Kenntnisse über Interna von Promotionsangelegenheiten, die unter Schweigepflicht stehen. Der Betreffende hat sich unzweifelhaft in vielfältiger Weise um Forschung und Lehre der Theologie in Bayern, also auch in Erlangen und München, verdient gemacht.
Kirchliche Hochschulen verstanden und verstehen sich allein als Ergänzung des unverzichtbaren Studiums an den Universitäten. Die Präsenz der Theologie an den Universitäten ist ein hohes Gut der Wissenschaftskultur in Deutschland, das gerade heute und in Zukunft unverzichtbar ist. Wenn die Kirche ihrer Verantwortung und Pflicht nachkommt, in geringem Maße auch selbst an der Ausbildung ihrer zukünftigen Pfarrerinnen und Pfarrer mitzuwirken, sollte dies der Theologie an den Universitäten nicht zum Schaden gereichen. Aber Konkurrenz ist anstrengend und verpflichtet.
Prof. Dr. Wolfgang Sommer, Neuendettelsau
23. 6. 2003: Artikel in der FAZ (PDF-Format)
"Mehr als ein Theologendisput. Der Streit um die kirchlichen Hochschulen und theologischen Fakultäten in Bayern" von Heike Schmoll ![]()
22.6. 2003: Artikel im Sonntagsblatt (PDF-Format)
"Spiritualität und Wissenschaft" von Helmut Frank ![]()
19. 6. 03: Meldung des Evangelischen Pressedienstes zu einem Interview
mit Frau Oberkirchenrätin Dr. Greiner: (Link)
Bayerische Landeskirche wird an Augustana-Hochschule festhalten
Das vollständige Interview mit Oberkirchenrätin Dorothea Greiner zur Ausbildungs-Kontroverse
von Rieke C. Harmsen und Achim Schmid: (PDF-Format)
"Theologiestudium zwischen Universität und kirchlicher Campus-Hochschule"
18. 6. 2003: Artikel in der Fränkischen Landeszeitung (PDF-Format)
"Kein Bischof hat es je versucht" von Michael Kasperowitsch ![]()
Freitag, 6. Juni 2003: Interview mit Professor Dr. Wolfgang Stegemann in der Ausgabe 23 des "Evangelischen Sonntagsblattes für Bayern"
Neben der Forschung zählt die Qualität der Lehre
Es geht um viel: Um wissenschaftliche Reputation, um Geld, zuletzt gar um das Weiterbestehen der kirchlichen Augustana-Hochschule in Neuendettelsau. Gegen sie hatte der Münchner Theologe Friedrich Wilhelm Graf eine unerhört scharfe Polemik abgeschossen, verpackt in einem Feuilleton-Beitrag in der Süddeutschen Zeitung (Das Sonntagsblatt berichtete). Leibnitz-Preisträger Graf, der seine Fakultät der wissenschaftlichen Champions-League zuordnete, Neuendettelsau dagegen mit der Klerikal-Liga Süd verglich, empfahl schließlich der Landeskirche, »die wissenschaftlich wenig bedeutsame Augustana-Hochschule zu schließen«. Starker Tobak, bei dem es nicht nur um Sein oder Nicht-Sein geht, sondern - noch davor - um die Verteilung knapper werdender finanzieller Mittel auf Ausbildungsstätten. Wir befragten zum Streit den Neuendettelsauer Professor für Neues Testament, Wolfgang Stegemann.
Herr Professor Stegemann, Sie sind von Grafs Angriff doppelt betroffen, als Neuendettelsauer Theologe und als Mitglied der synodalen Sparkommission, die die Augustana-Hochschule mit einem 10-Prozent-Sparziel vergleichsweise milde behandelt. War wirklich nicht mehr zu sparen drin?
Stegemann: Ich hatte Grafs Angriff nicht als Beitrag zum notwendigen Sparprozess der Landeskirche verstanden. Ich glaube, es ging ihm darum, durch die Schließung unserer Hochschule mögliche Kürzungen bei seiner Fakultät zu vermeiden. Die 10 Prozent klingen in der Tat vergleichsweise milde. Um die Zahl besser einordnen zu können, möchte ich darauf hinweisen, dass dieser Prozentsatz vom Zuschussbudget 2003 gerechnet wird. Legt man, wie es der Landeskirchenrat in seinem Sparvorschlag fordert, das Haushaltsjahr 2002 zugrunde, dann muss die Augustana 35 Prozent vom bisherigen Kirchenzuschuss sparen. Bei einer Kürzungsvorgabe von ca. 15 Prozent für den gesamten Haushalt würde ich diesen Prozentsatz nicht mehr »milde« nennen. Mehr ist nach meiner Meinung nicht drin, weil sonst der Lehrbetrieb der Hochschule gefährdet wäre, damit übrigens auch der Staatszuschuss. Nur ein Beispiel: Wir haben für jedes Fach nur jeweils einen Professor, insgesamt sieben. Erlangen hat 18, München 14 Professoren.
Hat Sie persönlich Grafs Attacke verletzt?
Stegemann: Ja. Denn ich bin gern an der Augustana Hochschule und identifiziere mich mit ihr. Ich frage mich, wer gibt Herrn Graf das Recht, eine staatlich anerkannte wissenschaftliche Hochschule, die Mitglied des Theologischen Fakultätentages ist, durch Beschluss der Kirchenkonferenz der EKD als eine von zwei kirchlichen Hochschulen für förderungswürdig erklärt wurde, deren wissenschaftliches Lehrpersonal dieselben wissenschaftlichen Qualifikationen aufweist, zu einer provinziellen »Ausbildungsstätte« herabzusetzen? Weil wir in Mittelfranken leben? Besonders geärgert hat mich, dass ein Theologieprofessor die Nähe einer kirchlichen Hochschule zu diakonischen Einrichtungen für einen Standortnachteil hält. Für uns hat Wissenschaft auch mit dem Leben in all seiner Komplexität zu tun.
Wenn wir von der Polemik einmal absehen, wo liegt der sachlich-inhaltliche Unterschied zwischen der Augustana-Hochschule und einer evangelischen theologischen Fakultät wie der Münchner?
Stegemann: Gegenfrage: Was bleibt eigentlich von dem Artikel von Herrn Graf übrig, wenn wir von der Polemik absehen? Graf bringt kein einziges Argument für die angebliche Unwissenschaftlichkeit, er stellt sie unbegründet in den Raum. Ich sehe keinen sachlich-theologischen Unterschied zwischen unserer Hochschule und der Münchener Fakultät. Unterschieden sind wir lediglich dadurch, dass wir eine Campus-Hochschule sind. Hier bilden Studierende und Dozierende eine Lehr- und Lerngemeinschaft. Wissenschaftliche Ausbildung steht auch bei uns im Mittelpunkt, aber wir fördern auch die kommunikativen und geistlichen Fähigkeiten unserer Studierenden. Sie wollen ja schließlich einmal Pfarrer bzw. Pfarrerinnen werden.
Was ist also der sachliche Kern von Grafs Kritik? Und was ist Ihre Antwort darauf?
Stegemann: Der sachliche Kern ist ganz einfach der deutliche Rückgang der Anzahl der Theologiestudierenden. Dieses Problem beschäftigt und beunruhigt uns alle - und zwar in der ganzen Bundesrepublik. München ist davon hart betroffen. Freilich weiß ich weder auf die besondere Münchener Misere noch auf die allgemeine eine einfache Antwort. Grafs Angriff auf uns hilft überhaupt nicht weiter. Die Münchener Fakultät hat sich zu Recht davon einmütig distanziert.
Würden Sie nicht umgekehrt am liebsten Staat und Kirche empfehlen, die Münchner Fakultät zuzumachen oder wenigstens um ein paar Lehrstühle zu kürzen? Immerhin gibt es in Bayern ein Überangebot an universitärer Ausbildung, gemessen an schrumpfenden Studierenden-Zahlen.
Stegemann: Ich habe mich sowenig wie meine Kollegen an der Hochschule jemals zu dieser Problematik öffentlich geäußert. Es ist nicht unsere Aufgabe, die Schließung einer Fakultät oder die Kürzung von Professorenstellen zu empfehlen.
Viele haben sich mit der Augustana öffentlich solidarisiert. Profitiert letztlich Neuendettelsau von diesem Streit?
Stegemann: Profitieren wird von diesem Streit am Ende niemand. Oder vielleicht außerbayerische Hochschulen? Ich befürchte, dass die Menschen im Lande darüber den Kopf schütteln. Wenn man sich das Ranking der Hochschulen anschaut, dann sind gerade kleine Hochschulen bei Studierenden beliebter als große und altehrwürdige Universitäten. Das hängt nach meiner Meinung zentral mit der Qualität der Lehre zusammen, die man neben der Forschung nicht vergessen sollte.
Fragen: Lutz Taubert
1.6.2003: Leserbrief von Prof. Dr. Helmut Utzschneider im Bayerischen Sonntagsblatt Nr. 22
Skandalöses vom Star-Theologen
„Star-Theologe ...“, Nr. 20, S. 5
Skandalös ist nicht so sehr, dass Star-Theologe Graf öffentlich darüber nachdenkt, der Konkurrenz Augustana-Hochschule den Garaus zu machen. „In Ängsten findet manches statt, was sonst nicht stattgefunden hat“ (W. Busch). Skandalös ist das zentrale theologische Argument, das er dabei gegen die Landeskirche und die Augustana-Hochschule ins Feld führt (und das im Rummel um die Champions-League und die „fränkischen Dorfkicker“ etwas untergeht). „Statt theologischer Reflexionsfähigkeit und argumentativer Vernunft werden ... so genannte ’spirituelle Kompetenzen’ ... und fromme Einfalt als Berufstugenden des evangelischen Pfarrers gepriesen“. So F. W. Graf im Originalton. Unwahr und hinterhältig daran ist das Wörtchen „statt“. Möglicherweise jedoch unterscheiden sich die Theologieverständnisse von Herrn Graf und uns Neuendettelsauern in der Tat z.B. dadurch, dass wir in unserer täglichen Arbeit versuchen, jungen Menschen Schnittstellen zu öffnen zwischen den Sprach-, Denk- und Ausdrucksformen ihres persönlichen Glaubens zu der gestanzten Begrifflichkeit der Theologie (bei Graf heißt das wohl „Antiintellektualismus“?). In der Tat sehen und bearbeiten wir das Problem, die unmittelbare Wahrnehmung biblischer Texte mit der distanzierten, historisch-kritischen Exegese ins Verhältnis zu setzen (Graf: Biblizismus?). In der Tat bemühen wir uns als Theologinnen und Theologen, dem persönlichen Glauben der Studierenden entgegenzukommen, im Hörsaal, aber auch in Gottesdienst und Liturgie (Graf: „Klerikalismus“?). Einen Keil zwischen Theologie, persönliche Frömmigkeit und gemeinschaftliche Spiritualität zu treiben, heißt, viele Studierende von ihrer Motivation und letztlich die Theologie und die Kirche von ihren Lebensquellen abzuschneiden. Ich bin dankbar, dass sich die Münchner Fakultät, meine einstige Alma Mater, von F. W. Graf distanziert hat, wenn auch nur ganz leise und allgemein. Dankbar wäre ich auch für ein öffentliches Wort des Bischofs dieser Kirche. Es geht hier nicht nur um „Theologiepolitik“ (Graf), sondern um eine Kernfrage für die Heranbildung der künftigen Pfarrerinnen und Pfarrer.
HELMUT UTZSCHNEIDER
Am 17./18. u. 19.5. 2003 erschienen in der SZ eine Reihe von Leserbriefen zum Thema.
Wir haben die Texte in zwei PDF-Dateien zusammengefasst und nehmen sie hier in unser Forum auf in der Hoffnung, vom stillschweigenden Einverständnis der Verfasser der Leserbriefe ausgehen zu dürfen.
Leserbriefe an die SZ vom 17./18. 5.
(Vogel, Wischmeyer, Siemers, Zuber, Stoll, Hepp)
Leserbriefe an die SZ vom 19. 5.
(Blaufuß, Bart/Bingener/Krauß, Willems, Fucks, Zoske, Merz, Jesse)
18. 5. 2003: Artikel im Sonntagsblatt (PDF-Format)
"Star-Theologe gegen akademische Dorfkicker" von Peter Reindl
9. 5. 2003: Stellungnahme von Prof. Dr. Wolfgang Stegemann (jetzt auch in der SZ vom 14. 5.)
Abgestiegen!
Der theologischen Champions League in München gehen die „Zuhörer“ aus
Die Nerven liegen blank. Friedrich Wilhelm Graf, Professor an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der LMU in München, der als Leibniz-Preisträger seiner Fakultät eine „Trophäe der wissenschaftlichen Champions League nach Hause“ bringen konnte, macht für die Misere dieser „international hoch angesehenen akademischen Institution“ fränkische „Freizeitkicker“ verantwortlich. Da fragt man sich natürlich: Was haben die armen Provinzler verbrochen? Ganz einfach: Den Münchnern laufen die Studierenden weg und die Franken mitsamt der Evangelischen Landeskirche sind schuld. Denn an die Augustana-Hochschule („Hochschule“ natürlich immer in Anführungszeichen) kommt eine beträchtliche Anzahl junger Leute, die Theologie studieren wollen. Dagegen wollen in München nur noch 5 Studierende pro Vorlesung (inklusive der Senioren) die hoch bezahlten Stars vom FC LMU hören. Grafs Nervosität ist verständlich. Die Münchner drohen abzusteigen wie die andern Bayern, die aus Leverkusen. Oder sind sie es am Ende schon? An die theologische Fakultät der Humboldt-Universität, nennen wir sie Hertha BSC, strömen die Studierenden. Was haben die und die Feizeitkicker aus Franken, was die Münchner nicht haben?
München leuchtet
Am Standort kann’s nicht liegen. Der Freizeitwert, die Kultur-Szene, die Biergärten und öffentlichen Verkehrsmittel – München ist eine liebenswerte und des Lebens werte Stadt, in der Monaco-Franze seinen Kir Royal noch immer trinkt und im Olympia-Zentrum „Lucky“ Luciano Pavarotti die Massen anzieht. Die Universität hat die Mittel, internationale Stars der Wissenschaft einzuladen, was ein Professor in Neuendettelsau mit großem Respekt und manchmal auch Bedauern, nicht dabei sein zu können, aus der Ferne wahrnimmt und der Metropole gönnt. Etwa wenn Edward Said oder Homi Bhabha eine Vorlesung halten. Für Wissenschaftler, die sich mit Fragen des Postkolonialismus oder der Hybridität der Kulturen beschäftigen, die den „cultural turn“ mitgemacht haben, ein echtes Diskurs-Ereignis. Die Vorlesungssäle waren brechend voll. Und vielleicht werden ja auch die Vorlesungssäle der theologischen Fakultät wieder voller, wenn dort nicht nur das 19. Jahrhundert und der Beginn des 20., wenn nicht immer nur Friedrich Schleiermacher und Ernst Troeltsch re-animiert werden, der „Kulturprotestantismus“ rauf und runter gebetet wird. Oder wenn schon, dann unter Aufnahme aktueller Diskurse, und zwar unter Teilnahme an Diskursen außerhalb der eigenen Disziplin.
Barbaren sind immer die anderen
Wie treffend das Melanchthon-Zitat, dem es, wie Graf erwähnt, ein Herzensbedürfnis war, gegen die „Barbaren, die sich als Gelehrte brüsten“ ins Feld zu ziehen. Doch wer ist wissenschaftlich Barbar und wer ist Grieche? Wer spricht die Sprache der aktuellen Diskurse und für wen sind das alles Fremdworte oder böhmische Dörfer? Postcolonial Studies, Cultural Studies, Diskursanalyse, Dekonstruktivsmus – leere Zeichen für die meisten staatlichen theologischen Fakultäten in der Bundesrepublik. Dem „cultural turn“ widmet Grafs aktuelle Auflage des führenden Fachlexikons „Religion in Geschichte und Gegenwart“ ebenso wenig einen Eintrag wie Derrida und Roland Barthes, dem „Logozentrismus“ oder der Linguistik. In dem Artikel über „Kultur“ wird jemand, der sich außerhalb dieses Lexikons informiert, wenig wieder entdecken, was in dem internationalen Diskurs zur Debatte steht. Dagegen beschwört das theologische Lexikon eine Fußnote des Kultur-Diskurses, den deutschen „Kulturprotestantismus“ des 19. Jahrhunderts. Übrigens ein historisches Phänomen, das ein dankbarer Gegenstand für Postcolonial Studies wäre. Man denke nur an das Verhalten der als führend erachteten „Kulturprotestanten“ gegenüber jüdischen Wissenschaftlern (ob Abraham Geiger oder Leo Baeck). Die Subalternen wagten zu sprechen, ihre Sicht vom Judentum einzubringen und wollten dieses nicht länger von den hoch und trocken auf ihren Lehrstühlen sitzenden protestantischen Theologieprofessoren, den Gralshütern der Kultur, konstruiert wissen. Wer sich einmal aus dieser Perspektive mit Grafs Lieblingsphänomen beschäftigt, etwa die einschlägigen Bücher von Christian Wiese oder Susannah Heschel gelesen hat, dem fällt dazu in der Tat nur ein einziges Wort ein: „Unkulturprotestantismus“.
Graf kommt nicht einmal auf die Idee, dass sein eigenes Forschungsparadigma zentristisch sein könnte (allein die Sprache ist schon decouvrierend). Mindestens seit 1968, als die Münchner LMU eine Evangelisch-Theologische Fakultät erhielt, ist jedem nicht gänzlich mit Tumbheit geschlagenen Studierenden klar, dass das Argument der größeren oder minderen „Wissenschaftlichkeit“ nicht mehr ist als die Keule von Professoren, um unerwünschte Positionen oder Personen auszuschalten. Ein teilweise gar unverhüllter blanker Machtdiskurs! Als ich mit wenigen anderen in den 1970er Jahren sozialgeschichtliche Forschung in die Bibelwissenschaft einführte, da schrie die an den staatlichen theologischen Fakultäten „gepflegte theologische Wissenschaftskultur“ Zeter und Mordio. Und so mancher Kollege aus der wissenschaftlichen Champions League verwechselte Sozialgeschichte mit Sozialismus.
Die Konstruktion des Anderen
Ernst Troeltsch, um nur ihn zu nennen, sah wissenschaftliche Diskurse in Analogie zur liberalen Marktwirtschaft. Die besten Produkte setzen sich durch. Wir wissen inzwischen, dass diese Annahme eine Illusion ist und viele komplexe Faktoren zusammen wirken, damit ein Produkt erfolgreich ist. Graf will aber gar nicht erst Wettbewerb aufkommen lassen. Er beruft sich auf den Staat (der nach seiner Deutung die Gründung kirchlicher Hochschulen kritisch sah) und fordert die Kirche auf, ihre erfolgreiche Hochschule einzustellen. Dieser nackte Kulturimperialismus ist ungewöhnlich, aber als Phänomen sehr wohl bekannt. Er schreibt schon in die Sprache ein, wen er zum Abschuss freigibt. Die Augustana-Hochschule wird bei Graf zur fremden, nicht ins rechte Bild passenden „anderen“ Institution konstruiert. Sie ist nur eine „Hochschule“ in Anführungszeichen, sie bietet nur „Ausbildung“ an, die „statt kluger Wortverkündigung nur noch das Stammesidiom“ vermittelt. Dagegen sind die staatlichen Fakultäten in Erlangen und München Repräsentanten eines exzellenten „akademisches Studiums“, das „theologische Reflexionsfähigkeit“ ermöglicht. Und das alles auf dem Niveau der „argumentativen Vernunft“.
Warum bedient sich nur Graf nicht derselben? Warum muss er die Augustana-Hochschule herabsetzen, Klischees und Vorurteile bemühen – bis hin zu Diskriminierungen? Graf wirft den Kirchen vor, dass sie bei der Errichtung ihrer Hochschulen „die Nähe zu Missionshäusern oder diakonischen Anstalten“ gesucht habe und deutet dies als „Emigration der Kirche aus der Gesellschaft“. Ganz abgesehen davon, dass dies blanker Unsinn ist. Ich tue mich schwer damit, wenn jemand die Nähe zu „diakonischen Anstalten“ als ein negatives Argument anführt und – als Theologieprofessor - die Vermittlung von „spirituellen Kompetenzen“ an zukünftige Pfarrerinnen und Pfarrer für Hekuba erklärt.
„Von meinem Großvater ging kein Diskurs aus“ (R. Barthes)
Könnte es sein, bitte, ich stelle nur die Frage, dass vom FC LMU Abteilung Evangelische Theologie gegenwärtig kein interessanter theologischer Diskurs ausgeht? Könnte es sein, dass der fort laufende Erfolg in so manchen Vorlesungen daran liegt, dass die Studierenden der Theologie den Narzismus von Professoren satt haben, die immer nur von sich, ihren Forschungsprojekten, ihrer internationalen Bedeutung reden? Die sich keinen Deut darum kümmern, was ihre Studierenden lernen wollen oder gar müssen, da sie ja schließlich auch Examina zu absolvieren haben? Die Hochschuldidaktik für Unsinn und Prüfungen von Studierenden für deren Problem erachten? Könnte es sein, bitte, ich frage nur, dass ein Zeitungsartikel, der unverhohlen die Abschaffung einer anderen, erfolgreichen theologischen Ausbildungsinstitution fordert, der in ungewohnter Schärfe die anderen als anders konstruiert und diskriminiert, dass eine solcher Artikel sich des Verdachtes aussetzt, dass der Signifikant Wissenschaft wieder einmal dazu herhalten muss, andere Konzeptionen und Modelle zu erledigen. Das vergangene Jahrhundert hat bekanntlich auch an staatlichen theologischen Fakultäten erlebt, wie die Wissenschaft mit der Barbarei ging. Mein akademischer Lehrer, Günther Bornkamm, war 1934 dankbar, als er an die Theologische Hochschule in Bethel gehen konnte. An seiner staatlich-theologischen Fakultät war er als Mitglied der Bekennenden Kirche nicht mehr tragbar. Die Augustana-Hochschule ist 1947 genau auf diesem Hintergrund errichtet worden. Weil sich ihr Gründungsrektor Georg Merz eben nicht sicher war, ob nicht doch wieder einmal Christentum, Barbarei und Wissenschaft eine braune Einheitssauce bilden würden.
WOLFGANG STEGEMANN
9.5.2003: SZ-Artikel von Andreas Ebert und Ursula Seitz
Hochmut vor dem Foul
Eine Antwort auf Friedrich Wilhelm Graf
Unter der Überschrift „Unkulturprotestantismus“ holt Friedrich Wilhelm Graf, evangelischer Theologieprofessor an der LMU in München, in der SZ vom 3./4. Mai zum Rundumschlag gegen die Kirchlichen Hochschulen aus. Im Zeichen leerer Kassen haben in Staat und Kirche die Verteilungskämpfe begonnen. Zum Hintergrund des Konflikts: Die Kirchenkonferenz der EKD hat im März einen Grundsatzbeschluss gefasst, wonach neben den staatlichen Fakultäten eigene kirchliche Hochschulen notwendig und eine gesamtkirchliche Aufgabe sind. Gerade das aber hält Graf nicht nur für überflüssig, sondern für gefährlich.
Graf argumentiert ungeschminkt pro domo. Gerade der evangelischen theologischen Fakultät in München, die erst seit 1968 existiert, steht das Wasser bis zum Hals: Die Zahlen der Studienanfänger gehen gen Null, und das numerische Verhältnis zwischen dem Lehrkörper und den wenigen Auszubildenden nimmt groteske Formen an. Kein Wunder, dass man die kirchliche Konkurrenz diffamieren muss, die weit weniger Federn lässt.
Dabei scheut Graf nicht einmal vor Geschichtsklitterung zurück, um seine These zu erhärten, die staatlichen Fakultäten seien Garant für Weltoffenheit und Freiheit der Lehre, während an den kirchlichen Hochschulen sektiererische Enge und klerikale Bevormundung der Studierenden walte, ganz abgesehen davon, dass sich die Qualität der hier und dort Dozierenden unterscheide wie die „Spielstärke der Profis vom FC Bayern“ von den „Freizeitkickern fränkischer Dörfer“. Interessant ist weniger das, was er sagt, als das, was er ausspart: die unselige Zeit des Nationalsozialismus, die an der Münchner Fakultät nur Dank der „Gnade der späten Geburt“ vorübergegangen ist, während sich die Erlanger Theologie seinerzeit wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert hat.
Die drei derzeit existierenden evangelischen kirchlichen Hochschulen Bethel, Wuppertal und Neuendettelsau wurden mitnichten gegründet, um „heimelige Archen“ für „die Schar frommer Reflexionsverweigerer“ zu schaffen. Sie sind bis heute – ebenso wie die staatlichen Fakultäten – der Freiheit von Forschung und Lehre verpflichtet. Als Studierende an der Neuendettelsauer Augustana-Hochschule und an den Universitäten Tübingen und Heidelberg in den siebziger Jahren konnten wir keinen Qualitätsunterschied ausmachen: Hier wie dort gab es kompetente und prägende Lehrer neben seltsam versponnenen Gestalten.
Wovor uns graut
Die Kirchliche Hochschule Bethel wurde 1905 von Friedrich von Bodelschwingh d.Ä. gegründet. Die Gründung markiert einen Schritt weg von der nicht immer seligen Ehe von Thron und Altar, die seit den Tagen der Reformation eine besonders obrigkeitshörige und staatstragende protestantische Pfarrerschaft gezeitigt hatte. Durch ihre Zugehörigkeit zu den Bodelschwinghschen Anstalten wurde in Bethel von Anfang an der Zusammenhang der Theologie mit dem diakonischen Handeln der Kirche reflektiert, eine Tatsache, die Friedrich Wilhelm Graf anwidert – und das in einer Zeit, wo das Ansehen der Kirchen eher abnimmt, während Caritas und Diakonie nach wie vor hohes gesellschaftliches Ansehen genießen.
Die attraktive Verbindung von Theologie und Praxis zog und zieht zahlreiche Studenten nach Bethel. Während sich die staatlichen Fakultäten im Dritten Reich weitgehend gleichschalten ließen, stellte sich Bethel im Kirchenkampf nach 1934 auf die Seite der Bekennenden Kirche; im März 1939 wurde die Hochschule deshalb auf Weisung der Gestapo geschlossen. Zu den herausragenden Wissenschaftlern, die hier lehrten, gehören Georg Merz, wichtiger Weggenosse Karl Barths, der Dogmatiker Edmund Schlink, die Neutestamentler Günther Bornkamm, Gerhard Friedrich und Willi Marxsen, sowie der Heidegger-Schüler Wilhelm Anz. Alles „Freizeitkicker“?
Die Kirchliche Hochschule Wuppertal wurde im Jahre 1935 von der Bekennenden Kirche gegründet. Die Gründung ging auf die Erkenntnis zurück, dass die Kirche für die Ausbildung ihres Pfarrernachwuchses selbst Verantwortung trägt, wenn der Staat versucht, die Kirche ideologisch gleichzuschalten. Die Freiheit von Forschung und Lehre war gerade beim Staat nicht in besten Händen. Noch am Tag ihrer Eröffnung im Wintersemester 1935/36 wurde die KiHo Wuppertal verboten, konnte aber ihre Tätigkeit bis zum Frühjahr 1941 illegal fortsetzen. Auch sie gewann nach dem Krieg zahlreiche Spitzenlehrer wie den Alttestamentler Hans-Walter Wolff und die damals noch jungen Dogmatiker Jürgen Moltmann und Wolfhart Pannenberg – Namen, die man noch nennen wird, wenn die selbst ernannten Champion-Leagisten von heute vergessen sein werden.
Und Neuendettelsau? Georg Merz hatte bereits Mitte der dreißiger Jahre damit begonnen, ein eigenständiges theologisches Ausbildungskonzept zu entwickeln. Sein Anliegen war es, künftigen wie amtierenden Theologen die Möglichkeit zu eröffnen, neben der akademischen universitas litterarum auch die universitas ecclesiae, das heißt die Kirche in ihren Wesensäußerungen von Gottesdienst, Diakonie und Mission, unmittelbar kennen zu lernen. Wie Friedrich von Bodelschwingh verstand er die kirchliche Ausbildung als Ergänzung, nicht als Konkurrenz zur bestehenden universitären Theologenausbildung.
Am 2. Dezember 1946 wurde die neue Verfassung des Freistaates Bayern angenommen, deren Artikel 150 Absatz 1 bestimmte: „Die Kirchen haben das Recht, ihre Geistlichen auf eigenen kirchlichen Hochschulen auszubilden und fortzubilden.“ Wenig später beschloss die Synode der Evang.-Luth. Kirche in Bayern das „Kirchengesetz über die Errichtung einer Theologischen Hochschule in Neuendettelsau-Heilsbronn“. Kurz danach wurde die „Augustana“ gegründet. Ihr Gründungsrektor war Georg Merz.
Dietrich Bonhoeffer, dem das preußische Kultusministerium 1937 Lehrverbot erteilt hat, und der wie kein anderer die Weltlichkeit des Glaubens in einer religionslosen Welt propagiert hat, hätte an keiner staatlichen Fakultät lehren dürfen. Als Leiter des illegalen Predigerseminars der Bekennenden Kirche in Finkenwalde ging es ihm darum, jungen Theologen denkerische Brillanz abzufordern und sie zugleich spirituell zu begleiten. Für Graf scheint sich beides gegenseitig geradezu auszuschließen.
Uns graut weniger vor künftigen Pfarrern, die denken und beten, die spirituelle Erfahrungen sammeln und sich im diakonischen Praktikum von der Not behinderter oder älter Mitmenschen betreffen lassen. Uns graut aber vor jener intellektuellen Überheblichkeit, die Theologie im intellektuellen Wolkenkuckucksheim angeblicher Weltläufigkeit betreibt. Gerade die „liberale“ kulturprotestantische Theologie mit ihrem Fortschrittsoptimismus und ihrer blauäugigen Zeitgeistigkeit ist in Deutschland schon zweimal gescheitert: an der Schwelle zum Ersten Weltkrieg, den sie bejubelte, und in der Nazizeit, wo sie nicht gerade zur Speerspitze des Widerstands gehörte. Eine biblisch orientierte Theologie, der die kirchlichen Hochschulen besonders verpflichtet sind, hat sich meist als der bessere Schutz gegen ideologische Verführbarkeit erwiesen. Aber lassen wir doch die Studierenden selbst entscheiden, wo es sie hinzieht.
ANDREAS EBERT/URSULA SEITZ
9. 5. 2003: Artikel in der Fränkischen Landeszeitung (PDF-Format)
"Akademische Dorfkicker" von Peter Reindl
8. 5. 2003: Stellungnahme von Prof. Dr. Wolfgang Sommer
Unaufgeklärter Kulturfetischismus
Die protestantische Wissenschaftskultur in Bayern sei in Gefahr, weil die bayerische Landeskirche in schwierigen Zeiten zu der von ihr getragenen Kirchlichen Hochschule steht. Das ist die verblüffende Quintessenz eines Artikels mit dem Titel „Unkulturprotestantismus“ von Friedrich Wilhelm Graf, Theologieprofessor an der Universität München. Der Anwalt des Kulturprotestantismus in Vergangenheit und Gegenwart führt zur Unterstützung seiner abenteurlichen These, dass die bayerische Landeskirche sich auf dem Weg zur Sekte befindet, historische und aktuelle Ereignisse an, auf die hier in aller gebotenen nüchternen Sachlichkeit kurz eingegangen werden soll. Denn die blumig-gespreizte Rhetorik des Verfassers kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass seinen Darlegungen gravierende historische Fehlurteile und ein völlig verzeichnetes Bild der aktuellen Lage an den drei evangelisch-theologischen Lehr- und Forschungsstätten in Bayern zugrunde liegen.
Graf beschwört den „Bildungsprotestantismus“ Melanchthons und seine „Liebe zur Wissenschaft“, weshalb nach der Reformation im protestantischen Deutschland die Autonomie wissenschaftlicher Theologie im Gegenzug zum römischen Katholizismus institutionalisiert worden sei. Zukünftige Pfarrer und Religionslehrer sollten „an staatlichen Fakultäten ein anspruchsvolles akademisches Studium absolvieren, bevor sie in den Kirchen- oder Schuldienst eintreten durften. In den Universitäten schützte der Staat theologische Wissenschaftler vor klerikaler Entmündigung“. Man kann sich nur wundern, wie es zu solchen grob-falschen Aussagen kommen konnte. Sollten dem Verfasser die vielfältigen, institutionalisierten Beziehungen zwischen Theologischen Fakultäten und evangelischen Landeskirchen sowie die Ämterverbindung von Theologieprofessur und Pfarr- bzw. Predigtamt in der nachreformatorischen Kirchengeschichte wirklich unbekannt sein? Seit der Reformation hat sich für mehr als zwei Jahrhunderte an fast allen deutschen protestantischen Universitäten das Doppelamt von Lehr- und Predigtamt etabliert, so dass die enge Verbindung von Kanzel und Katheder ein besonderes Charakteristikum für die protestantische Kirchen- und Theologiegeschichte ist, deren Bedeutung für die Kulturgeschichte der Neuzeit schwerlich überschätzt werden kann. In der Tat konnte sich im protestantischen Deutschland die theologische Wissenschaft mit hohem Niveau entwickeln, aber dass der Staat sie vor klerikaler Entmündigung schützen musste, ist vom Selbstverständnis aller bedeutenden Theologen gerade auch im Zeitalter der Aufklärung ein völliger Unsinn. Melanchthons Losung der engen Verbindung von „pietas et eloquentia“ hat sich gerade durch die enge Verbindung von theologischer Forschung und kirchlicher Verantwortung im Predigt- und Seelsorgedienst entwickeln können. Das gilt in hohem Maße auch für den zweiten bedeutenden Theologen, den Graf anführt und der mit dem sog. Kulturprotestantismus oft in Verbindung gebracht wird: Friedrich Schleiermacher. Jahrzehntelang verband er an der Berliner Universität das akademische Lehramt mit einem Predigtamt an der Dreifaltigkeitskirche. Die Entgegensetzung einer vom Staat geschützten Freiheit der Wissenschaft und einer angeblichen kirchlichen Wissenschaftsfeindschaft, die sich in klerikaler Bevormundung äußert, ist für die protestantische Theologiegeschichte schlicht ein völlig unzutreffendes Konstrukt.
Von dieser falschen Alternative ist auch die Darlegung von Graf über die Entstehung Kirchlicher Hochschulen in Deutschland bestimmt. Seine diesbezüglichen Stichworte lauten: „antiintellektuelle Bibeltheologie“, „Emigration der Kirche aus der Gesellschaft“ und „ein Kirchenverständnis, das … Züge von Sekten und Freikirchen gewann“. Man kann die Intentionen, die in Deutschland zur Gründung Kirchlicher Hochschulen neben den Theologischen Fakultäten führten, nicht gründlicher verzeichnen. Keineswegs standen Wissenschaftsfeindlichkeit oder gar ein Gegenmodell zu den Universitätsfakultäten hinter der Gründung der ersten Kirchlichen Hochschule in Deutschland in Bethel 1905. Gewiß spielten die Forderung nach Freiheit der Kirche vom Staat und die Kontroversen zwischen liberaler und konservativer Theologie eine Rolle, aber entscheidend waren diese Momente nicht. Es ging Friedrich von Bodelschwingh angesichts der Nöte und Unzulänglichkeiten in der praktischen Arbeit der Pfarrer um Ergänzung und Vertiefung des Theologiestudiums, um wieder einmal wie zu Speners Zeiten von hier aus zu dringend notwendigen kirchlichen Reformen zu kommen. Dabei waren die Widerstände von Seiten der Kirche noch wesentlich gravierender und bedrückender als diejenigen von Seiten des Staates. Bodelschwingh wollte Männer der kirchlichen Erfahrung neben die Forscher der Wissenschaft stellen, was von vielen Universitätsprofessoren damals verstanden wurde. Einer von ihnen war der bekannte Adolf Schlatter, der mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit von zwei Wegen theologischer Lehre und Forschung sprach, indem er die Kirche auf ihre theologische Verantwortung verweist: „Die Eingliederung der christlichen Theologie in die Universitäten ist deshalb wertvoll, weil sie den Lehrenden und Lernenden die Berührung mit dem ganzen Reichtum des Wissens vermittelt, den die Nation besitzt … unerträglich würde der Zustand dann, wenn der Staat zwar die Kirchen zur Benützung seiner Fakultäten zwänge, gleichzeitig aber die Vertretung einer christlichen Theologie an ihnen unmöglich machte. Es ist darum jeder Kirche zu raten, dass sie die Erfüllung ihrer theologischen Pflicht nicht nur solchen Anstalten überlasse, auf die sie keinen Einfluss hat, sondern sich auch eigene Arbeitsstätten schaffe neben denen, die nach überliefertem Recht der Staat unterhält.“ (Christliche Ethik, 1914).
Dieses prophetische Wort Schlatters bekam am Anfang der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland gefahrvolle Aktualität. Aufgrund der Anfälligkeit vieler evangelischer Theologieprofessoren für die NS-Ideologie wurde 1935 eine eigene Theologenausbildung für die gesamte Bekennende Kirche zur Pflicht gemacht. So entstanden die Kirchlichen Hochschulen von Berlin und Wuppertal. Gleich nach ihrer Eröffnung wurden sie von der Geheimen Staatspolizei verboten, jedoch gingen Lehrveranstaltungen und Prüfungswesen im Untergrund bis 1941 weiter. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnten die Kirchlichen Hochschulen schon früh ihre Arbeit wieder aufnehmen. Zu den drei bisherigen kam 1947 die Augustana-Hochschule in Neuendettelsau hinzu, deren Gründungsrektor Georg Merz aus den Erfahrungen in der NS-Zeit in Bethel, wo er seit 1930 lehrte, diese Hochschule dezidiert als Ergänzung zum Theologiestudium an den Theologischen Fakultäten gründete. Ihre Ordnung ist seit 1947 sowohl durch Kirchen- wie durch Staatsgesetz geregelt.
Jahrzehntelang hat sich das Studium der evangelischen Theologie in Deutschland an Theologischen Fakultäten der staatlichen Universitäten und an Kirchlichen Hochschulen bewährt. Es sei auch daran erinnert, dass in der ehemaligen DDR die evangelische Theologenausbildung vorrangig an Kirchlichen Hochschulen stattfand und in vielen europäischen Ländern die Präsenz Kirchlicher Hochschulen wesentlich größer ist als in Deutschland.
Auch in Bayern hat sich das Nebeneinander zweier Theologischer Fakultäten und einer Kirchlichen Hochschule seit vielen Jahren bewährt. Dass dieses gleichberechtigte und zugleich unterschiedliche Nebeneinander von staatlichen Fakultäten und Kirchlicher Hochschule mit ihren jeweiligen Vorzügen und Nachteilen auch in schwierigen finanziellen Zeiten für Staat und Kirche zukunftsfähig ist und sein möge, ist das berechtigte Anliegen aller Verantwortlichen, nicht zuletzt in der Leitung der bayerischen Landeskirche. Die Kollegialität mit den Münchner Kollegen, mit denen mich mit einigen von ihnen wissenschaftliche Kontakte verbinden, verbietet es, auf das anmaßende Selbstlob des Kollegen Graf im einzelnen einzugehen. Ich erwarte allerdings von ihm eine Zurücknahme seiner unhaltbaren und verleumderischen Aussagen über meine Arbeit und die meiner Kollegen an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau. Sein Artikel gibt Anlass, über die Entstehungsgeschichte Kirchlicher Hochschulen in Deutschland und das Verhältnis der Theologischen Fakultäten zu ihnen im Bereich evangelischer Theologie erneut zu orientieren und es vor Missverständnissen und kurzsichtigen Animositäten zu schützen.
WOLFGANG SOMMER
8. 5. 2003: Artikel in der Fränkischen Landeszeitung (PDF-Format)
Angriff auf theologische "Freizeitkicker"
3. 5. 2003: Frau OKRin Dr. Dorothea Greiner (Ausbildungsreferentin der Evang.-Luth. Kirche in Bayern)
Auszug aus der Einführungsansprache für Prof. Dr. Raschzok und Pfarrer z.A. Schödl am 3. Mai 2003
Liebe Gemeinde, vor allem lieber Herr Prof. Dr. Raschzok und lieber Herr Pfarrer z.A. Schödl!
Die finanzielle Krise prägt die Gespräche, die Sitzungen der kirchenleitenden Organe, die Gemütszustände der betroffenen Menschen. In unserer Landeskirche scheint zur Zeit vieles im Fluss zu sein – ich sage nicht: den Bach runter zu gehen – aber doch vieles im Fluss zu sein. Gerade in dieser Situation ist es gut, Pflöcke einzurammen, die erst einmal an der richtigen Stelle sitzen und um die herum es ruhig werden kann. Dass die letzte Synode trotz Einsparzwängen die vorgelegte Landesstellenplanung für die Gemeinden und Dekanate unserer Kirche beschlossen hat, war richtig und notwendig und dass wir heute Sie, Herr Raschzok, in Ihren Dienst einführen, ist notwendig und richtig. Auch die Augustana ist von den Wirren der Finanzkrise betroffen. Da ist zukunftserföffnendes Handeln wie diese Einführung um so wichtiger. Alle Einrichtungen der Landeskirche werden in Frage gestellt – brauchen wir sie wirklich? Können wir sie nicht schließen? Kann nicht eine andere Institution die Arbeit der zu Schließenden tun? Bei der Augustana-Hochschule mögen manche auf den ersten Blick denken, dass die Arbeit der Ausbildung zukünftiger Pfarrersgenerationen auch durch die beiden evangelisch-theologischen Fakultäten geschehen kann. Ich will überhaupt keinen Zweifel daran lassen, dass ich - zwar nicht mit allen Mitteln, aber mit allen fairen und lauteren Mitteln - mich dafür einsetzen werde, dass die Augustana-Hochschule für unsere Landeskirche erhalten bleibt. Ich halte eine Konkurrenz zwischen Augustana und Fakultäten für vollkommen verkehrt. Wir brauchen die Fakultäten und ich werde sie den Staat und den politischen Organen gegenüber mit eben denselben Mitteln verteidigen. Ich halte es für notwendig, dass die Studierenden die Augustana und die Fakultäten nutzen. Beide Ausbildungssysteme sind gleichwertig aber konzeptionell unterschieden und in sofern nicht konkurrierend, sondern komplementär. An der Augustana finden theologische Ausbildung und spirituelle Übung auf einem Campus zusammen. Lehre und Leben sind miteinander verbunden. Verschiedene Frömmigkeitsrichtungen müssen – ob sie wollen oder nicht – miteinander ins Gespräch kommen. Als kirchliche Hochschule ist die Augustana eine wissenschaftliche Ausbildungsstätte, die die kirchliche Praxis besonders im Blick haben wird. Das geschieht auch, weil der Lehrkörper der Augustana keine falsche Abgrenzung und ich hoffe sagen zu können, die Kirchenleitung auch keine falsche Vereinnahmung pflegt. Insofern besteht hier auch die hervorragende Chance, dass wissenschaftliche Theoriebildung und kirchliche Praxis sich in einem hermeneutischen Zirkel bewegen, der beiden Polen dient.
Wohlgemerkt: Das habe ich nicht in Abgrenzung zu den Fakultäten gesagt. Die Augustana braucht einen Professor und einen Assistenten für Praktische Theologie für Ihre Arbeit. Vieles ist im Fluss, aber nicht alles.
3. 5. 2003: Prof. Dr. Friedrich Wilhelm Graf (Ludwig-Maximilians-Universität München)
"Unkulturprotestantismus - Die bayerische Landeskirche ist auf dem Weg zur Sekte"
(SZ vom 3./4. Mai 2003)
„Die Liebe zur Wissenschaft und die Pflicht meines Amtes spornen mich an, von der Neubelebung der Studien und der Neugeburt der Musen zu reden, für die Euch alle zu gewinnen mir Herzensbedürfnis ist. Ihre Sache möchte ich führen gegen die Barbaren, die sich als Gelehrte brüsten und mit barbarischen Methoden den Fortschritt unterbinden möchten.“ In seiner Wittenberger Antrittsvorlesung legte Philipp Melanchthon 1518 ein emphatisches Bekenntnis zur wissenschaftlichen Vernunft ab. Der Reformator kämpfte für die Einheit von Glaube und Bildung. Er begründete damit einen Bildungsprotestantismus, der die deutsche Universitätsgeschichte tiefgreifend prägte. „Liebe zur Wissenschaft“ forderte er gerade von Theologen, die die Wahrheit des Evangeliums erfolgreich nur kommunizieren könnten, wenn sie zu kritischer Distanz und Nachdenklichkeit imstande seien.
In bewusster Abgrenzung vom Katholizismus, der bei der Ausbildung seiner Priester und Religionslehrer auf strengste Kontrolle durch kirchliche Autoritäten setzte, wurde im protestantischen Deutschland die Autonomie wissenschaftlicher Theologie institutionalisiert. Um der Freiheit von theologischer Forschung und Lehre willen sollten zukünftige Pfarrer und Religionslehrer an staatlichen Fakultäten ein anspruchsvolles akademisches Studium absolvieren, bevor sie in den Kirchen- oder Schuldienst eintreten durften. In den Universitäten schützte der Staat theologische Wissenschaftler vor klerikaler Entmündigung. So konnte sich im protestantischen Deutschland eine theologische Wissenschaftskultur von hohem intellektuellem Rang entwickeln. Der Realmythos vom evangelischen Pfarrhaus, dessen genialisch gestörte Söhne deutsche Geistesgeschichte schrieben, zeugt von einer „Weltfrömmigkeit“, die die imago Dei, Gottebenbildlichkeit des Menschen als umfassende Persönlichkeitsbildung gestaltete.
Fromme Einfalt
Als eine Kerndisziplin der Geisteswissenschaften hatte die protestantische Theologie an den Krisen moderner wissenschaftlicher Rationalität teil. Viele protestantische Theologieprofessoren begeisterten sich seit dem 18. Jahrhundert für innovative Denkstile und verstanden ihr Fach um kritischer Aufklärung willen als historische Kulturwissenschaft des Christentums. Kritische Historisierung und die Begründung liberaler Freiheitsrechte und Kulturnormen aus dem Geist des Christentums provozierten heftige Gegenreaktionen konservativer Kirchenführer. Um 1800 hatte sich der deutsche Protestantismus in einen bürgerlich-liberalen Kulturprotestantismus einerseits und konservative Kirchenmilieus andererseits gespalten, die primär von kleinbürgerlichen und agrarischen Sozialgruppen getragen wurden. Traditionalistische Kirchenfunktionäre verwarfen die akademische „moderne Theologie“ als tendenziell unchristlich. Die evangelische Kirche solle ihre zukünftigen Pfarrer nicht mehr an Universitäten studieren lassen, sondern besser in kircheneigenen „Theologischen Schulen“ auf eine unbedingte Treue zu Schrift und Bekenntnis festlegen.
Nach heftigen Kulturkämpfen zwischen Bildungsprotestanten und glaubenskonservativen Gegnern moderner wissenschaftlicher Rationalität gründeten kirchliche Traditionsvereine seit 1905 „Kirchliche Hochschulen“. Gegen eine Universitätstheologie, die die Glaubensüberlieferung durch kritische Reflexion für die humane Gestaltung moderner Kultur aktualisieren wollte, wurde hier eine dezidiert antiintellektuelle „kirchliche Bibeltheologie“ institutionalisiert. Schon die Gründungsorte „Kirchlicher Hochschulen“ spiegeln die Bindung an wissenschaftsferne Lebenswelten: Man suchte die Nähe zu Missionshäusern oder diakonischen Anstalten und inszenierte die Emigration der Kirche aus der Gesellschaft, indem man kleine klerikale Gegenwelten schuf, heimelige Archen, in denen die Schar frommer Reflexionsverweigerer die trüben Fluten des modernen Pluralismus zu überdauern hoffte. Kritische Exegese wurde durch die Andacht zur „Heiligen Schrift“ abgelöst. Statt der offenen, religiös pluralen Volkskirche setzte man auf ein Kirchenverständnis, das in den Visionen dichter religiöser Vergemeinschaftung Züge von Sekten und Freikirchen gewann.
Der Staat sah die Gründung „Kirchlicher Hochschulen“ eher kritisch, hoffte er angesichts der hohen gesellschaftlichen Bedeutung der Religion und des starken öffentlichen Einflusses der Kirchen doch auf eine gebildete Pfarrerschaft, die neben Seelsorge und religiöser Lebensdeutung auch Gemeinsinn und Bürgertugend fördere. Die evangelischen Kirchenleitungen gingen zunächst vermittelnde Wege. Einige Semester an „Kirchlichen Hochschulen“ wurden als Teil des wissenschaftlichen Studiums anerkannt. Erst seit 1980 vermochten sich in einzelnen Landeskirchen Kräfte durchzusetzen, die im verunsichernden schnellen sozial-kulturellen Wandel auf einen neuen protestantischen Klerikalismus setzten und wieder Milieuhomogenität zu erzeugen suchten. Dabei spielten auch starke ökonomische Motive eine Rolle, wollte man doch an den staatlichen Transferleistungen an die Kirchen teilhaben.
In der bayerischen Landeskirche gilt inzwischen eine Ausbildung an der „Augustana-Hochschule“ in Neuendettelsau als prinzipiell gleichberechtigt mit einem akademischen Studium an den staatlichen Fakultäten in Erlangen und München. Dies hat nicht nur zu einem dramatischen Kompetenzverlust vieler jüngerer Pfarrer und Pfarrerinnen geführt. Die Theologiepolitik, die die Landeskirche forciert, beschädigt vielmehr die an den Fakultäten in Erlangen und München gepflegte theologische Wissenschaftskultur. Statt theologischer Reflexionsfähigkeit und argumentativer Vernunft werden nun so genannte „spirituelle Kompetenzen“ wie Segenshandlungskraft, charismatische Autorität und fromme Einfalt als die wichtigsten Berufstugenden eines evangelischen Pfarrers gepriesen. Mit dieser Abkehr von Melanchthons „Liebe zur Wissenschaft“ zerstört die bayerische Landeskirche ihre Zukunftsfähigkeit. Sie verliert ihre Kommunikationsfähigkeit mit der wissenschaftlichen Kultur. Auch auf Kosten des Steuerzahlers droht sie ihre Selbstverwandlung in eine Landessekte zu betreiben, deren Geistliche statt kluger Wortverkündigung nur noch Stammesidiom zu bieten haben.
Seit Jahren moniert der Bayerische Oberste Rechnungshof, dass es im Freistaat viel zu viele theologische Lehrstühle gebe. Seine Kritik betrifft nicht nur die sechs katholisch-theologischen Fakultäten, sondern auch die evangelische Theologie. Im Kern hat der Rechnungshof recht: Es gibt unsinnige Überkapazitäten. Die Landeskirche hatte die „Augustana-Hochschule“ 1947 gegründet, um Engpässe zu beheben. In der Traumperiode zwischen Kriegsende und noch ferner Gründung der Bundesrepublik hoffte man, mit einer rein kirchlich, jenseits akademischer Reflexion sozialisierten Pfarrerschaft ein neues christliches Gemeinwesen aufzubauen. 1968 entstand auch an der Münchner LMU eine Evangelisch-Theologische Fakultät, die dank einer exzellenten Berufungspolitik des Freistaates schnell zu einer international hoch angesehenen akademischen Institution avancierte.
Darin liegt aber auch ein Problem: In der bayerischen Gottesgelehrsamkeitsliga reicht die Spielstärke vom Leistungsniveau der Profis des FC Bayern bis hin zu Freizeitkickern fränkischer Dörfer. Ein Studium bei Professoren, die auf den vorderen Plätzen der akademischen Bundesliga spielen oder die Trophäen der wissenschaftlichen Champions League nach Hause bringen, ist nun einmal intellektuell sehr viel fordernder, arbeitsaufwendiger als eine Ausbildung bei Lehrenden, die die Klerikalliga Süd für die Geisteswelt überhaupt halten. 64% der bayerischen evangelischen Theologiestudenten legen ihre Zwischenprüfung derzeit in Neuendettelsau ab. Manche Examenskandidaten haben niemals eine Universität von innen gesehen; dazu trägt auch das kirchliche Stipendienwesen bei.
Angesichts von Überkapazitäten und kirchlichen Finanznöten liegt es nahe, die wissenschaftlich wenig bedeutende „Augustana-Hochschule“ zu schließen. Die bayerische Landeskirche betreibt jedoch Kirchturmpolitik und stellt ihre „Hochschule“ unter geistlichen Biotop-Schutz. Stattdessen sollen erneut Lehrstühle an der Erlanger und der Münchner Universität abgebaut werden. Diffuser Antiintellektualismus und pfäffische Wissenschaftsfeindschaft verbinden sich in dieser widersinnigen Theologiepolitik mit dem nackten Interesse an klerikaler Macht. Bei Berufungsverfahren hat die evangelische Landeskirche die rechtswidrige Praxis übernommen, die Bayerns römisch- katholische Bischöfe unter Hans Maier in der Kultusbürokratie durchgesetzt hatten. Die von den Universitäten erstellten Dreierlisten werden vom Ministerium an die Kirchen weitergegeben, so dass diese nun ein Auswahlrecht reklamieren. Rechtskonform wäre allein eine Einzelanfrage des Ministeriums bei den Kirchen, ob gegen die Berufung von Herrn X oder Frau Y substantielle Bedenken bestünden. Wollen beide Kirchen in ökumenischer Komplizenschaft den permanenten Rechtsbruch zur neuen Normalität der Staatskirchenbeziehungen machen?
Tüchtige Selbstzerstörung
Die Landeskirche wandert im finsteren Tale, wenn sie die Fakultäten beschädigt, aber gleichzeitig eine „Hochschule“ subventioniert, die nur ein sehr viel dürftigeres Lehrangebot offerieren kann. „Soweit vertragskirchenrechtlich die Erhaltung staatlicher theologischer Fakultäten vereinbart wurde, ist der kirchliche Vertragspartner gehindert, den Zweck und die Auslastung dieser Fakultäten durch den Ausbau eines eigenen kirchlichen Hochschulwesens zu unterlaufen“, heißt es in der aktuellen Auflage des führenden Fachlexikons „Religion in Geschichte und Gegenwart“. Soll es in einem Religionslexikon der Zukunft einen Artikel „Selbstzerstörung der bayerischen Landeskirche“ geben? Die Bildungshorizonte von heute markieren die Kompetenzspielräume von morgen. Eine evangelische Kirche, die in einer komplexen Wissensgesellschaft die gezielte Entakademisierung ihrer zukünftigen Funktionselite betreibt, gibt ihre corporate identity preis und wird auf konkurrenzgeprägten boomenden Religionsmärkten nur weitere Marktanteile verlieren. Auch Sinnunternehmen müssen Managementfehler vermeiden.
„Soll der Knoten der Geschichte so auseinander gehen? Das Christenthum mit der Barbarei, und die Wissenschaft mit dem Unglauben?“ fragte in Anspielung auf Melanchthons Vorlesung Friedrich Schleiermacher in einem der berühmtesten Texte der theologischen Moderne. Seine Doppelfrage bleibt aktuell.
FRIEDRICH WILHELM GRAF
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Am 19. 7. 2003 schrieb uns Clemens Monninger:
Als Theologiestudent und Pfarrerssohn, der mehr oder weniger in der Kirche aufgewachsen ist, kann ich mich den negativen Urteilen (Leserbriefe an die SZ vom 17./18.05.03) über die Pfarrerschaft der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern nur anschließen: Wenigen Pfarrern gelingt ist, in der Gestaltung ihrer Gottesdienste und Predigten die Menschen in ihrer Lebenswelt zu erreichen. Meistens bewegen sie sich, so finde auch ich, im Bereich nichtssagender, teilweise frommer Sprüche, die zwar nett klingen, aber wenig mit den Fragen der Menschen heute zu tun haben. Auch ich würde dies als Kuscheltheologie (wie Dr. Hepp im Leserbrief an die SZ vom 17./18.05.03 SZ) bezeichnen.
Nun ist es aber ein bequemer, weil naheliegender Trugschluss, dem Friedrich Wilhelm Graf und diejenigen, die in seinem Sinne argumentieren, aufsitzen, die Kuscheltheologie resultiere aus einer klerikalen Verengung in den kirchlichen Hochschulen. Wer in Neuendettelsau studiert, weiß, dass dort genau so wissenschaftlich gearbeitet wird wie an den Universitätsfakultäten auch. Nein, was die Kuscheltheologie hervorbringt, ist nicht klerikale, sondern wissenschaftliche Verengung des Studiums, die ausschließliche Fixierung auf die hochtheoretische und abstrakte Ebene.
Wir lernen in unserem Studium Hebräisch und Griechisch, können die Bibel im Original übersetzen, betreiben Geschichtswissenschaft des alten vorderen Orient, befassen uns mit sämtlichen abendländischen Philosophien, durchdenken die kompliziertesten Gesellschaftstheorien, um nur einige Beispiele hochwissenschaftlicher Arbeit aufzuzählen.
In der Tat sind diese Dinge nicht nur gut und wichtig und schärfen den Geist, sie sind unabdingbar für die Argumentations- und Handlungsfähigkeit der Pfarrer. Aber Theorie und Abstraktion ist nicht alles. Es fehlt die Brücke zur Praxis, damit dieser geschärfte Geist auch zu seiner Entfaltung und Wirkung kommen kann. Momentan lernen wir das meiste umsonst, weil wir nicht lernen, wie wir es in sinnvolles, fruchtbares Handeln an der Gemeinde und ihren Menschen überführen können. Dazu wären Kompetenzen nötig, die uns gar nicht erst vermittelt werden. Um nur einige zu nennen: Kommunikationsfähigkeit, soziale Kompetenz, Gesprächsführung, Teamfähigkeit, Pädagogik, Rhetorik, praktische Psychologie, Kunst und Ästhetik (zur Inszenierung von Gottesdiensten), Management (ein Pfarramt ist ein kleines Unternehmen, das wirtschaftlich geführt werden muss), ja, und auch, man traut sich kaum noch, es zu sagen, spirituelle Kompetenz.
Zu manchen dieser Kompetenzen gibt es ein paar wenige Seminare als Kür in einer gesonderten Einrichtung, der Begleitung Theologiestudierender (BTS). Es wäre dringend notwendig, dass sie zum Pflichtprogramm würden, und zwar gleichgewichtig mit der abstrakten wissenschaftlichen Arbeit. Kein Wunder, dass sich viele Pfarrer wegen ihrer Inkompetenzen auf diesen Gebieten - und nicht wegen klerikaler Verengung - in die Kuscheltheologie zurückziehen, weil sie mit der Wissenschaftlichkeit, die ihnen anerzogen wurde, nicht weiterkommen, da diese allein keinen Bezug zu den Menschen, mit denen sie arbeiten, hat. Glücklicherweise haben sehr viele Studenten - ich weiß das von meinen Kommilitonen - dieses Problem erkannt. Doch anstatt diese kritische Erkenntnis als Leistung anzuerkennen, fällt unseren Professoren nichts besseres ein als mit Sorge zu beobachten, wir wollten auf Wissenschaft und Intellektualität verzichten (so Prof. Dr. Wischmeyer im Leserbrief an die SZ vom 17./18.05.03).
Bestärkt wird meine Meinung durch den Artikel vom 23.4.03 in der Süddeutschen Zeitung, in dem Martin Zips auf die Studie von Klinikseelsorger Andreas von Heyl über das Burn-Out-Syndrom eingeht und über die schlechte Vorbereitung der auszubildenden Pfarrer klagt. Zudem beweist die Studie, dass es eben nicht reicht, dieses Angebot erst in der Vikariatszeit zu machen, wo es eben mehr schlecht als recht abgedeckt wird.
In ähnlicher Richtung muss man bedenken: Ausgerechnet bei Pfarrern ist die Scheidungsrate von allen Berufsgruppen mit am höchsten - meiner Meinung nach auch Folge der mangelnden psychologischen und sozialen Vorbereitung auf die enormen Anforderungen, die auf einen Pfarrer zukommen: Es wird von ihm erwartet, 24 Stunden am Tag für die Gemeinde und zugleich für die Familie da zu sein. Viele Pfarrer lassen sich überfordern, da sie nicht gelernt haben, "Nein" zu sagen. Genau das kann man in einem Seminar der BTS lernen, "Soziale Kompetenz - Training zu Selbstsicherheit in Beruf und Alltag". Ich habe es besucht, es war ein hervorragendes, ergiebiges Seminar von höchster Qualität. Man muss sich klar machen, dass die erwähnten Gefahren und Probleme nicht nur in Einzelfällen zum Tragen kommen, sondern zum Profil des Pfarrberufes gehören und damit von Anfang an berücksichtigt werden sollten. Supervisorische Begleitung ist in Psychologie und Sozialarbeit längst üblich, und zwar bereits in der Ausbildung. Ähnliches könnte das Leid einiger Pfarrfamilien lindern. Das interessiert die Fakultäten jedoch überhaupt nicht, es wird nur nach noch mehr Wissenschaftlichkeit geschrieen, als ob sie das Allheilmittel für den Pfarrberuf wäre.
Clemens Monninger, Theologiestudent in München
20. Juli 2003: Sonntagsblatt-Ausgabe 29:
Leserbrief zum Artikel "Spiritualität und Wissenschaft" Nr. 25
(Titelseite)
Münchner Arroganz und Neuendettelsauer Toleranz
In den stammtischartig scharfen Vorwürfen gegenüber der Augustana erlebe ich eine Arroganz der Münchner Theologen wieder, die mir noch von meinem Examen gut in Erinnerung ist. Obwohl ich nicht aus Neuendettelsau, sondern von der Uni Heidelberg kam, wurde mir unmissverständlich deutlich gemacht, dass nur die Münchner Sicht verschiedener theologischer Lehren zählt. Auf Spezialgebiete, die in München nicht gelehrt wurden, hatten sich meine Prüfer schlichtweg nicht vorbereitet
Angenehm hingegen empfand ich die theologische Weite und Toleranz der Neuendettelsauer Prüfer. Vielleicht führt ja die Auseinandersetzung mit anderen wissenschaftlichen Disziplinen in München eher zu einer apologetischen Versteifung auf eine bestimmte theologische Linie (v.a. im systematisch-ethischen Bereich) als zu einer toleranten Auseinandersetzung mit anderen theologischen Richtungen.
Ich finde es schlimm genug, dass bei uns nur angestellt wird, wer in Bayern Examen macht (von Ausnahmen abgesehen). Auch an anderen Universitäten wird wissenschaftlich gearbeitet. Wenn Neuendettelsau aufgegeben wird, prüfen nur noch Erlanger und Müchner Prüfer unseren Nachwuchs. Ziemlich provinziell im Europa des Jahres 2003!
Gerhild Zeitner, Pfarrerin, Fürth
13. Juli 2003: Sonntagsblatt-Ausgabe 28:
Leserbrief zur Sonntagsblatt-Umfrage "Neuendettelsau? München? Wo studieren?" Nr. 24, S. 7 
Bindung und Offenheit sind kein Gegensatz
Frau Baierlein äußert in ihrer Stellungnahme "Man soll im Theologiestudium nicht kirchlich gebunden sein". Die Absurdität dieser Aussage wird deutlich, wenn man sie auf andere Wissenschaften überträgt: Die angehende Ärztin soll sich von Krankenhäusern fernhalten und der angehende Informatiker von Computern. Nimmt man "nicht kirchlich gebunden" wörtlich, wäre wohl während des Theologiestudiums der Austritt aus der Kirche zu empfehlen. Dass eine kirchliche Bindung im Gegensatz steht zur Offenheit gegenüber anderen Menschen und Kulturkreisen, ist doch wohl schlichter Unsinn. Und wie die ganze Breite des allgemeinen Fächerkanons an den Universitäten von den Theologen wahrgenommen wird, erkennt man mit einem Blick auf die ach so vielen interdisziplinären bzw. interfakultären Veranstaltungen. Das Herdenverhalten von Studierenden aller Fakultäten ist ziemlich ausgeprägt; alle bleiben gerne unter sich - und wer anderweitige Kontakte sucht, der findet sie eher in Studentenwohnheimen und Kneipen als in Lehrveranstaltungen.
Karl F. Grimmer, Petersaurach
Am 7.7. schrieb uns Herr Professor Dr. phil. Dr. theol. h.c. Günther Wirth einen Brief mit Hinweisen auf die historische Entwicklung der Kirchlichen Ausbildungsstätten in der DDR, damit in der Auseinandersetzung "auch die Berliner bzw. gesamtdeutsche Perspektive berücksichtigt werden" kann. (PDF-Format) 
Am 26. 6. berichtete die FLZ über einen Besuch des bayrischen Innenministers Dr. Günther Beckstein an der Augustana-Hochschule, in dessen Verlauf er sich auch zur Kontroverse um die Augustana-Hochschule geäußert hat:
Beckstein über München:
"Arrogant"
Stärkung für Augustana
NEUENDETTESLAU (epd/eng) - Im Konkurrenzkampf um die evangelische Pfarrerausbildung in Bayern hat sich Innenminister Dr. Günther Beckstein im Rahmen seines Vortrages an der Neuendettelsauer Augustana-Hochschule hinter diese Ausbildungsstätte gestellt.
Zu den Vorwürfen des Münchener Theologieprofessors Friedrich-Wilhelm Graf, der der mittelfränkischen Hochschule Provinzialismus bescheinigt hatte (wir berichteten), sagte Beckstein: "Sehr viel eher kann auf die Münchener theologische Fakultät verzichtet werden als auf die Augustana-Hochschule." Es sei "arrogant zu glauben, dass die Münchener Fakultät der Nabel der Welt sei". Dies, so Beckstein jedoch, ist "meine ganz persönliche Meinung".
Am 26. 6. 2003 schrieb uns Lutz van Raden zum Artikel von Heike Schmoll in der FAZ:
Es ist doch bemerkenswert, dass bei dem Bemühen, Argumente gegen die Augustana zu suchen, nun ausgerechnet eine allgemein - auch international - übliche Praxis angeführt wird, an der sich selbstverständlich auch die Augustana beteiligt: die Verleihung von Ehrendoktorwürden an verdiente Persönlichkeiten, die z.B. Heike Schmoll in der FAZ vom 23.6.2003 als proprium der Augustana anprangern zu müssen meint. Glaubt im Ernst jemand, hochrangige Politiker wie z.B. Konrad Adenauer mit seinen -zig Doktorhüten oder so manches Vorstandsmitglied großer Konzerne hätte diese Würde für selbst erbrachte wissenschaftliche Leistungen erhalten? Doch wohl nicht wirklich! Man muss da den Horizont weiter spannen und wird feststellen, dass diese Personen zweifellos in den Augen der Verleiher der Würde etwas getan haben, das anderen Personen wissenschaftliche Leistungen ermöglicht hat und das es verdient, die Betreffenden entsprechend ihrem beruflichen Status auch auf akademische Augenhöhe mit anderen zu heben, denen sie in Ausübung ihrer Aufgaben begegnen. In diesem Lichte erscheinen Ehrendoktorverleihungen seitens der Augustana auch an hochrangige Personen der eigenen Landeskirche ganz unspektakulär - wobei in keiner Weise in Abrede gestellt werden soll, dass es natürlich auch "echte", also durch wissenschaftliche Leistung verdiente Ehrendoktor-Würden gibt.
Lutz van Raden, Aventinstraße 4, 80469 München
Am 20. 6. 2003 schrieb Dr. Dieter Voll in einem Brief an OStR i.K. Jörg Dittmer, Augustana-Hochschule Neuendettelsau:
Im „Forum“ der Augustana-Hochschule zum SZ-Artikel „Unkulturprotestantismus“ von F.W. Graf fällt mir auf, dass da und dort geäußert wird, die Mehrzahl der Leserzuschriften sei zustimmend. Ich hatte am 10.05.03 aus genauer Kenntnis der Anfänge von Pastoralkolleg/Augustana 1945/47 einen kritischen Leserbrief an die SZ geschickt. Graf schreibt ja uninformiert und ganz ungeschichtlich über die Dinge. Mein Brief wurde nicht gedruckt. Kürzlich kam von der Redaktion Leserbriefe Bescheid: „Zu unserem Bedauern können wir aus der täglichen Briefflut nur wenige Zuschriften auswählen.“
Natürlich wird ausgewählt – Pro und Contra verteilt, mit einem Prae zugunsten des Artikels, den die Zeitung für veröffentlichungswürdig gehalten hat. Tatsächlich dürften die ablehnenden Zuschriften hier bei weitem überwogen haben, was die „Auswahl“ nicht erkennen lässt.
Mein Anliegen ist im Beitrag Ebert/Seitz vom 10.05.03 gut vertreten. Nur um meinen Hinweis auf den unumgänglichen Einsatz von Synergie-Effekten bei der Ausbildung des theologischen Nachwuchses tut es mir leid. Als die Sparkommission der Synode – unter führender Mitwirkung des Augustana-Vertreters – im April rigorose Streichungen vorschlug (auch die des Pastoralkollegs), spielte der Synergie-Begriff eine zentrale Rolle. Seltsamerweise taucht er in der polemischen Debatte um den Stellenwert der Augustana und der theologischen Fakultäten bis heute nicht auf. Dabei hätten die beiden Fakultäten und die AHS in dieser für alle Drei bedrohlichen Lage nichts Wichtigeres zu tun, als sich gemeinsam über zu erreichende Synergie-Effekte zu verständigen. Hier der Wortlaut meines Leserbriefs vom 10.05.03 an die Süddeutsche Zeitung:
„Unter Berufung auf das Erbe von Reformation und Aufklärung fordert F.W. Graf die bayerische Landeskirche auf, ihre Augustana-Hochschule in Neuendettelsau zu schließen. Diese sei – wie alle kirchlichen Hochschulen im Gegensatz zu den staatlichen theologischen Fakultäten – ein Hort pfäffischer Wissenschaftsfeindlichkeit im Dienst kirchlicher Machtansprüche. Ihre Lehrenden verhielten sich zu denen der Fakultäten wie fränkische Dorfkicker zum FC Bayern. Ihre Studierenden erhielten keine Kompetenz für ihren späteren Beruf. Nur das Bohren dünner Bretter mache sie attraktiv. Dagegen garantierten die staatlichen Fakultäten Freiheit von Forschung und Lehre und schützten vor klerikaler Ent-mündigung. Durch die Förderung der Augustana verliere die Landeskirche ihre Zukunftsfähigkeit und verkümmere zur Landessekte.
Der Autor ist Professor an der Evang.-Theol. Fakultät der Universität München. Ist ihm bekannt, dass diese Fakultät 1968 auf den ausdrücklichen Wunsch der Landeskirche hin errichtet worden ist? Weiß er, wie es 1947 zur Gründung der Augustana-Hochschule kam? Kulturprotestantismus und Aufklärung hatten einander viel zu verdanken. Ersterer hat sich mit seiner Nähe zum deutschen Nationalgefühl dann aber schwer getan, zum Nationalsozialismus auf Abstand zu gehen, wie die theologischen Fakultäten auch. Die von Erlangen z.B., wo sogar die Bücherverbrennungen von 1933 Anklang gefunden hatten, litt noch Jahre nach dem Krieg an dieser Belastung. Aus bitterer Erfahrung im Kirchenkampf hat damals Georg Merz die Landeskirche von der Notwendigkeit einer eigenen Ausbildungsstätte für ihre zukünftigen Pfarrer, neben der Fakultät, unabhängig vom Staat, gefeit vor ideologischer Unterwanderung, überzeugt. Im Westen kam diese Situation nicht wieder. Was aber wäre in den SED-kontrollierten Fakultäten der DDR mit der Theologenausbildung ohne kircheneigene Seminare geworden? Die Münchner Fakultät lobt den Freistaat Bayern – in der Gnade ihrer späten Geburt (1968).
Die Augustana hat heute die meisten Theologiestudierenden. Grafs Disqualifizierung der Neuendettelsauer Kollegen ist rivalitäts-, nicht realitätsorientiert. Die Hochschule und die beiden Fakultäten sollten sich nicht in Verteilungskämpfe verstricken, sondern sich angesichts allseitiger Finanzprobleme auf praktikable Synergieeffekte besinnen.“
Dr. Dieter Voll, Altenmarkt a.d. Alz (1968 – 88 Rektor des Pastoralkollegs Neuendettelsau)
Am 14. 6. 2003 schrieb uns Dr. V. Lehnert, Ausbildungsreferent der EKiR:
Sehr geehrte Neuendettelsauer,
als Ausbildungsdezernent der EKiR kann ich Ihnen gegenüber nur meine tiefste Betroffenheit gegenüber der niveaulosen Graf-Polemik aussprechen. Sie ist an Unwissenschaftlichkeit kaum mehr zu unterbieten und wir sollten uns auf diese Diskussionsebene gar nicht einlassen. Wer Theologische Wissenschaft, pfarramtliche Praxis und Spiritualität ernsthaft alternativ setzt, hat m.E. vom geistlichen Auftrag der Kirche nicht allzuviel verstanden. Im Grunde liefert uns eine solche unversitätsprofessorale Einzelstimme (denn mehr ist es ja gottlob nicht), nur ein weiteres Argument, an Kirchlichen Hochschulen mit eigenem Profil festzuhalten - nicht als Konkurrenz, sondern als sinnvolle Ergänzung der Fakultäten. Die Synode der EKiR jedenfalls hat nach langer und intensiver Diskussion die Fortführung der KiHo Wuppertal mit neuem Konzept beschlossen, dessen Grundformel lautet: Wissenschaft und mehr...
Mit herzlichem Gruß und besten Segenswünschen für Ihre Arbeit
Dr. Volker A. Lehnert, EKiR
P.S. Fränkische Kicker sind übrigens Sportler aus reinem Idealismus, Champions League-Spieler wohl doch eher knallharte Geschäftsleute. Also, wohlan, frei nach Lukas 18,14...
Sonntagsblatt-Umfrage vom 15.06.03 (PDF-Format) 
Armin Stephan schrieb uns am 6.6.03:
Alles bedacht?
Anmerkungen zu ein paar Graf’schen Ungereimtheiten
Vom Übel betrieblicher Ausbildung
Der Siemens-Konzern ist einer der größten und renommiertesten Arbeitgeber in Deutschland. Die Führungspersönlichkeiten dieses Unternehmens dürften aber wohl allesamt nicht recht bei Trost sein – jedenfalls wenn es nach dem Münchener Systematiker Graf geht. Seit jeher nämlich nimmt sich der Konzern die Freiheit heraus, in breitem Umfang eigene Aus- und Fortbildungsprogramme für seine Mitarbeiter zu betreiben. Dabei sollten die Damen und Herren aus der Führungsetage doch eigentlich wissen, dass firmeninterne Qualifikation der Mitarbeiter, die sich an den Bedürfnissen des Unternehmens orientiert, prinzipiell unwissenschaftlich, kontraproduktiv, ja geradezu unanständig ist und garantiert „zu einem dramatischen Kompetenzverlust ... führt.“ Eigenartigerweise ist allerdings bisher nicht belegt, dass Personen, die eine solche Siemens-interne Qualifikation besitzen, deswegen schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt hätten, insbesondere im Vergleich zu exklusiven Universitätsabsolventen.
Doch kehren wir aus der Wirtschaft in den kirchlichen Raum zurück. Wie denkt wohl die Konzernleitung der bayerischen Landeskirche über Herrn Grafs Idee einer theologischen Ausbildung, die prinzipiell von der Kirche abgekoppelt ist? Eine Stellungnahme von oberster Stelle liegt noch nicht vor, aber die Ausbildungsreferentin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern hat bereits öffentlich dafür plädiert, dass staatliche Fakultäten und kirchliche Hochschule in einem komplementären Verhältnis zueinander stehen sollen. Zwei ist mehr als eins: Wer sowohl an einer kirchlichen Hochschule als auch an einer staatlichen Fakultät studiert, erlebt mindestens zwei Typen von Ausbildungsinstitutionen, lernt unterschiedliche Formen und eine größere Vielfalt von theologischer Auseinandersetzung im Umgang mit Lehrkräften und KommilitonInnen kennen und erweitert dadurch seinen Erfahrungshorizont. Weniger ist in diesem Fall nicht mehr, sondern bleibt weniger. Das scheint Herrn Graf darum entgangen zu sein, weil für ihn der Rückbezug der Theorie auf die Praxis keinen hohen Stellenwert besitzt. Man soll erst mal seine 14 Semester Theorie machen – dann kommt die Praxis schon noch früh genug. Wollen wir’s hoffen. Wohl dem, der dann noch Brücken schlagen kann und den Weg heraus findet aus den ach so geistreichen Räumen der Universität!
Vom Phantom der Graf’schen Oper
An dieser Stelle sei auch die Geisterjagd eröffnet auf ein Phantom, das von Herrn Graf in die Welt gesetzt wurde und das in vielen Reaktionen immer wieder auftaucht, nämlich den Typus des Jungpfarrers oder der Jungpfarrerin, die ihre theologische Sozialisation ausschließlich an einer kirchlichen Hochschule erfahren haben. Bis zum statistischen Beweis des Gegenteils wage ich zu behaupten, dass es in ganz Deutschland kein Dutzend Personen gibt, auf das diese Klassifizierung zutrifft. Wenn also JungpfarrerInnen den Anforderungen ihres Berufes nicht mehr genügen, wie ein ehemaliges Mitglied eines Kirchenvorstandes in diesem Forum beklagt, liegen die Gründe nicht in der einseitigen Prägung durch kirchliche Hochschulen. Tatsache ist, dass die Studierenden an den kirchlichen Hochschulen – entgegen Herrn Grafs Beurteilung – die intellektuelle Herausforderung an den Universitäten nicht scheuen, sondern im Gegenteil suchen. Fast ausnahmslos studieren sie auch mehrere Semester, meistens im Hauptstudium, an staatlichen Fakultäten, um auch auf diesem Wege ihren Horizont zu erweitern. Sie leben also das von ihrer Ausbildungsreferentin präferierte komplementäre Modell.
Vielleicht ist diese gängige Wanderungsbewegung unter Theologiestudierenden Herrn Graf deshalb nicht aufgefallen, weil zugegebener Maßen die Münchener Fakultät als Studienort nicht ganz oben in der Gunst der Studierenden rangiert. Fest steht jedenfalls, dass viele Studierende zur Examensvorbereitung wieder an die Augustana-Hochschule zurückkommen, weil sie für diesen lernintensivsten Abschnitt des Studiums hier bessere Arbeitsbedingungen vorfinden als an den Massenuniversitäten: kürzeste Wege, problemlose Durchführung von Lerngruppen, eine äußerst komfortabel und effizient zu benutzende Bibliothek, direkten Kontakt zu den Lehrkräften usw. In der deutschen Bildungspolitik wird viel gejammert über die Faktoren, die an deutschen Universitäten die Studienzeiten in die Länge ziehen. Die kirchlichen Hochschulen haben alle diese Probleme nicht und müssen deshalb in dieser Hinsicht als vorbildlich angesehen werden.
Von den Abseitsfallen der Fußballmetaphorik
In nahezu jeder Reaktion in diesem Forum wird Herrn Grafs Fußball-Metaphorik aufgenommen. Man muss neidlos anerkennen, dass er mit dem Bild von den Fußball-Klassen einen rhetorischen Volltreffer gelandet hat. Auch mich hat dieser Vergleich dazu inspiriert, dem Bild noch ein wenig weiter zu folgen; denn man kann sich bei Herrn Grafs Ausführungen des Eindrucks nicht erwehren, dass er die Tatsache, in München zu arbeiten, noch nie dazu genutzt hat, sich ein Champions-League-Spiel live anzusehen. Wer schon dort war, weiß: Auf dem Rasen spielen 22 überbezahlte und weltbekannte Fußball-Stars im grellen Rampenlicht und vor laufenden Kameras. Auf den Rängen sitzen allerdings ca. 50.000 Fußball-Begeisterte durchaus gemischten Bildungs-Niveaus, die sich in grölenden Sprechgesängen üben, La-Ola-Wellen am laufenden Band produzieren und (die meisten von ihnen zumindest) sich nebenbei reichlich mit alkoholischen Flüssigkeiten auffüllen, die sie dann nach dem Spiel auf dem Weg zur U-Bahn-Station an den Büschen des Olympia-Parks wieder entsorgen müssen. Auch das ist Champions-League-Realität. (In dem kleinen Fußball-Stadion von Neuendettelsau wären solche Unarten kaum denkbar.)
Wie weit reicht also die Vergleichbarkeit zwischen der akademischen und der Fußball-Welt? Mir ist noch ein interessantes und vielleicht auch für Akademiker bedenkenswertes Fußball-Phänomen eingefallen: Im Fußball gibt es für willentliche Attacken gegen den Gegner, die dessen Gesundheit gefährden könnten, die rote Karte ...
Armin Stephan, Neuendettelsau
Johannes Habdank schrieb uns am 2.6.03:
Anti-Kulturprotestantismus
„Die Nerven liegen blank“ - bei wem?
Die Provokation hat voll gesessen. Das zeigen die Reaktionen der Augustana-Vertreter und ihrer Sympathisanten auf die polemische Kritik, mit der der evangelische Pfarrer und international anerkannte Theologieprofessor Friedrich Wilhelm Graf aus München fachlich und hochschulpolitisch konfliktbereit die aktuelle (nicht historische) Existenzberechtigung der kirchlichen Hochschule im fränkischen Neuendettelsau in Frage stellt (SZ vom 3./4.Mai 2003). Der dahinter steckende Verteilungskampf um bayerische Steuergelder für wissenschaftliche Theologie in Bayern ist nicht neu, er wird jetzt aber endlich öffentlich thematisiert.
Die Münchner Theologische Fakultät habe sich von Grafs Beitrag in einem Anschreiben „`entschieden´ distanziert“, heißt es in einer offiziellen Stellungnahme der Augustana, „wenn auch nur ganz leise und allgemein“, so wiederum Augustana-Professor Helmut Utzschneider (Sonntagsblatt vom 1.6.2003) - was nun eigentlich? Könnte es sein, dass sich Grafs Münchner Kollegen auf hochschulpolitischem Schmusekurs mit der Kirchenleitung bewegen und die Augustana indirekt als Sprachrohr benützen? Da ist der Dekan der Erlanger Fakultät Walter Sparn mutiger. Er hält den Neuendettelsauer Theologiebetrieb lediglich für das Grundstudium für geeignet (Nürnberger Nachrichten vom 29.5.2003) und trägt zwar nicht den Wortlaut, aber die Zielrichtung von Grafs Augustana-Kritik mit.
Die von Graf ach so unfair Deklassierten wehren sich mit windigen Argumenten. Kein Klischee wird ausgelassen: von der persönlichen Diffamierung Grafs, der sich sehr wohl immer auch persönlich um seine Studenten gekümmert und sie gefördert hat, bis hin zu peinlichen gegenwartsbezogenen und historischen Verzeichnungen des liberaltheologischen Kulturprotestantismus. Was nicht verwundert, wenn man dieses hochdifferenzierte Spitzenphänomen der modernen Geistesgeschichte nur als „Fußnote“ (Wolfgang Stegemann, SZ vom 14.Mai 2003) des eigenen Lieblingsdiskurses „cultural turn“ einstuft, der von Graf im Lexikon-Artikel „Kulturwissenschaften“ (RGG, 4. Aufl.) berücksichtigt ist. Wer die vielfältigen interdisziplinär relevanten Diskurse kulturprotestantischer Theologen damals wie heute, insbesondere die Debatten der inzwischen weltweit operierenden wissenschaftlichen Ernst-Troeltsch-Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten offenkundig ungenügend wahrgenommen und sich in die diversen Diskussionen mit eigenen Beiträgen nicht eingeklinkt hat, der blamiert sich, wenn er mit seiner Ignoranz auch noch in die Offensive geht. Graf kann sich bestätigt sehen.
Altgediente Klischees aus der Tradition der dialektischen Theologie und des Kirchenkampfes werden durch ihre heutige moralisch selbstgefällige, abgedroschene Wiederholung nicht wahrer. Die bekennerhaft vorgetragene Antikritik von Augustana-Vertretern gegen den als Killerphrase bemäkelten Münchener Vorwurf kirchlich domestizierter Wissenschaftlichkeit des Augustana-Programms wirkt absurd, wenn umgekehrt Wissenschaftlichkeit der Theologie auf dem Kirchen-Campus zum Zweck der hochschulpolitischen Selbstbehauptung der eigenen Institution reklamiert wird.
Diese Anstrengung ist wiederum nur verständlich vor dem Hintergrund des finanziellen und stellenmäßigen Verteilungsproblems. Bisher finanziert meines Wissens der bayerische Staat ca. 40 Prozent der kirchlichen Hochschule. Der staatliche Zuschuss soll sogar im Jahr 2002 auf „rund eine Million Euro jährlich fast verdoppelt“ (Nürnberger Nachrichten vom 29.5.2003) worden sein. Und, bitte, ich frage nur: Könnte es sein, dass im Zuge der Aufwertung zur sogenannten „dritten Fakultät“ (1) (neben Erlangen und München) die Positionen mancher Neuendettelsauer Professoren aufgebessert, Ehrendoktorwürden passend verliehen oder auch Posten mehr nach kirchlich-personalpolitischen als nach wissenschaftlichen Kriterien vergeben wurden - und das auf Staatskosten? Das wäre ein besonderes Lehrstück kirchlicher Selbstständigkeit. Wer nichts zu verbergen hat, kann die einzelnen Vorgänge öffentlich transparent machen, im eigenen Interesse.
Vor diesem Hintergrund nimmt sich die Polemik gegen den angeblich unkritisch staatsverbundenen, wissenschaftlichen Kulturprotestantismus an freien Fakultäten staatlicher Universitäten ziemlich peinlich aus. Die in gründungshistorischem Gewande präsentierte Beschwörung, dass eine freie wissenschaftliche Theologie an staatlichen Fakultäten auch heute vor der Gefahr nicht gefeit sei, dass „wieder einmal Christentum, Barbarei und Wissenschaft eine braune Einheitssoße bilden würden“ (Stegemann), ist schamlos und völlig unpassend. Denn gerade die Münchner systematische Theologie und Sozialethik hat Jahrzehnte lang wesentliche Beiträge zu einem reflektierten, positiven Verhältnis von Theologie und Demokratie geleistet: theologiegeschichtlich, ethisch und in der kirchlichen Praxis, z.B. auf EKD-Ebene. Ob man in Neuendettelsau Grafs Studien zur Wissenschaftsgeschichte antidemokratisch orientierter Theologien in den 1920er und 1930er Jahren nicht kennt?
Die Rede von Anfälligkeit und Verquickung liberaler, kulturprotestantischer Theologie mit Nazitum und Antisemitismus ist nicht neu, aber ebenso abgeschmackt und grober Unfug! Es ist ausgerechnet einer der „Säulenheiligen“ des Kulturprotestantismus, der bayerische Theologe Ernst Troeltsch, der viele jüdische Freunde und Studenten hatte. Sein analytisches, warnendes Diktum findet sich heute am Ausgang des neuen Jüdischen Museums in Berlin auf einer roten Standsäule: „Konservative und Nationale machen den Gegensatz gegen das Judentum zu einem Hauptmittel ihres Kampfes, um ihm populäre Instinkte und Leidenschaften zuzuführen. Der Antisemitismus ... wird in den Kampf grundsätzlich eingespannt und die Schuld an Revolution und Niederlage dem Judentum und der Sozialdemokratie aufgebürdet. Damit ... kann (man) das ganze Schicksal wie etwas von außen Hereingetragenes betrachten, an dem man sich durch den Sturz der `jüdischen Regierungen´ rächen kann ...“ (Spectator-Briefe, 1918-1922).
(1) Der Verfasser versteht den Fakultätsbegriff rein im Sinne des Bayerischen Hochschulgesetzes (Art.114), demzufolge die Augustana im hochschulrechtlichen Sinne keinen Fakultätsstatus hat, da dieser an staatliche Universitäten gebunden ist. Die Augustana versteht sich gleichwohl als vollgültige Fakultät im Sinne ihrer mit der Erlanger und Münchener Fakultät gleichberechtigten Mitgliedschaft im Theologischen Fakultätentag und verweist darüber hinaus auf Ihr Promotions- und Habilitationsrecht mit staatlicher Genehmigung gemäß Art.115a des Bayerischen Hochschulgesetzes. (Nachtrag vom 11. 6. 2003)
Johannes Habdank, Berg
Rektor Hans Schlumberger schrieb am 30.5.03 einen Leserbrief an die Nürnberger Nachrichten:
Hätte Michael Kasperowitsch ordentlich recherchiert, so wüsste er längst, dass die Theologische Fakultät der Münchner Universität sich schon vor Wochen aus Gründen des Anstands und der Wahrheit von dem unappetitlichen Privatkrieg von Professor Friedrich Wilhelm Graf gegen eine wissenschaftliche Hochschule, so wörtlich im Brief der Fakultät vom 5. Mai, „entschieden distanziert“ hat. Was also soll das Konstrukt eines Konflikts zwischen, so Kasperowitsch, „den staatlichen Uni-Fakultäten“ und der Augustana-Hochschule? Kasperowitsch wärmt eine Debatte, die vor Wochen im Feuilleton und den Leserbriefspalten der Süddeutschen Zeitung geführt worden ist, noch einmal auf und ergänzt sie um dünne Fakten und dicke Gerüchte. Der Ersatz der Reportage durch die Kolportage wirkt peinlich.
Hans Schlumberger, Rektor des Evang.-Luth. Pastoralkollegs Neuendettelsau
Anm.: Den Artikel von Michael Kasperowitsch aus der Fränkischen Landeszeitung vom 29./30.05.03, auf den Herr Schlumberger Bezug nimmt, haben wir in dieser Dokumentation zunächst nicht berücksichtigt, weil er u.E. verleumderische Abschnitte und Unwahrheiten enthält. Unter dem Stichpunkt "Richtigstellungen" finden Sie aber inzwischen (6.6.) einen Link auf diesen Text als PDF-Datei und die Gegendarstellung der Augustana-Hochschule.
Unser ehemaliger Student Volker Klemm sandte uns am 22.5. die Reaktion von Prof. Wolf Krötke, Systematiker an der Humboldt-Universität Berlin:
Champions-League und Kreisliga der Theologie in Bayern
Replik von Prof. Wolf Krötke (Systematiker an der HU, vor der Wende am Sprachenkonvikt Ost) – in der SZ bisher nicht veröffentlicht
In der bayrischen religiös-kulturellen Landschaft kenne ich mich im Einzelnen nicht sehr gut aus. Das sei zu dem, was F. W. Graf am 3. Mai in der Süddeutschen Zeitung zum "Unkulturprotestantismus" zum Besten gegeben hat, der an der Kirchlichen Hochschule Neuendettelsau sein Unwesen treiben soll, vorweg geschickt. Ich kenne nur bemerkenswerte wissenschaftliche Arbeiten, die an dieser Kirchlichen Hochschule entstanden sind. Zudem erfreue ich mich von Semester zu Semester an Studenten, die gut in den Grundlagen wissenschaftlicher Theologie gebildet sind, wenn sie von dieser Hochschule nach Berlin kommen. Nicht weniger aber gilt mein Respekt den Evangelisch-Theologischen Fakultäten in Erlangen und München. Sie sind Orte beachtlicher geistiger Anstrengung. Aber wenn die Stürmer dieser Fakultäten anfangen, das Tor christlicher wissenschaftlicher Theologie ebenso penetrant zu verfehlen wie F. W. Graf in seinem Artikel, dann ist ihr Ausscheiden aus der "Champions League" der Theologie unvermeidlich.
Denn die Art und Weise, wie Graf die Kirchlichen Hochschulen in Deutschland ins Aus dreschen will, hat nun wirklich nichts als die rote Karte verdient. Sie wird ihm hoffentlich von seinem Lehrer gezeigt werden. Denn der hat 1993 am Aufbau der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität verdienstvoll mitgewirkt. Diese Fakultät aber setzt sich in ihrer Substanz aus den Lehrkörpern der Kirchlichen Hochschulen (!) in Ost- und Westberlin zusammen. Wie das? Wie konnte ein Wissenschaftssenator – der heutige Präsident des Stifterverbandes für die deutsche Wissenschaft – so blöde sein, Leute auf Lehrstühle wissenschaftlichen Vemunftgebrauchs zu berufen, die in der "Kreisliga" der Theologie kicken und sich durch "fromme Einfalt" und "Reflexionsverweigerung" auszeichnen? Die Antwort darauf ist einfach: Weil es diese "Kreisliga" der Theologie überhaupt nicht gegeben hat und gibt. Graf aber braucht sie; offenkundig um einen Sündenbock für das Ausbleiben der Studenten in München und die Streichung von Professorenstellen zu haben, unter welcher derzeit alle Fakultäten in Deutschland stöhnen. Das könnte man jedoch als speziell bayrisches grobes Foulspiel auf sich beruhen lassen. Die bayrische Landeskirche wird den ihr zustehenden Freistoß hoffentlich richtig platzieren.
Aber nun will Graf mit seiner Blutgrätsche ja nicht nur Neuendettelsau zu Fall bringen. Er greift die Kirchlichen Hochschulen überhaupt an. Erwachsen aus "kleinbürgerlichen und agrarischen Sozialgruppen" (man höre: der dumme Bauer!) sind sie per se ein Hort von Klerikalismus, Konservativismus, Antimodernismus, Entmündigung von Studenten, wissenschaftlicher Barbarei usw. In dieser Düsternis kann über den Theologischen Fakultäten natürlich schön das Flutlicht freier Humanität, Vernunft und Forschung angeknipst werden. Aber wie war das doch anno 1933 in Erlangen und anderswo, als die "autonome Theologie" die Bindung der Deutschen an Rasse, Blut und Boden freiwillig nicht genug als gottgewollt preisen konnte?
Das war die Zeit, welche die Bekennende Kirche veranlasst hat, Kirchliche Hochschulen ins Leben zu rufen, damit wenigstens irgendwo in Deutschland eine freie Theologie sein kann. Nach 1945 wurde das im Osten noch einmal nötig. Die Kirchen haben hier den in der Zwangsjacke der sozialistischen Universität steckenden "Sektionen Theologie" im Namen der Kirche regelrecht vorgeführt, was zur Freiheit und Wissenschaftlichkeit der Theologie gehört. Graf weiß das natürlich. Er kennt uns ja. Er weiß auch, dass wir von den sozialistischen Machthabern mit denselben Argumenten drangsaliert und unterdrückt wurden, die er jetzt gegen die Kirchlichen Hochschulen überhaupt aus dem Ärmel holt. Als mir die Universität Tübingen den Ehrendoktor verlieh, durfte ich den nicht annehmen, weil ich als "klerikaler Reaktionär" eingeschätzt" wurde.
Wenn jetzt die Freiheitsgeschichte, die zur Identität Kirchlicher Hochschulen in Deutschland gehört, absichtsvoll verschwiegen wird, dann soll folgende Situation heraufbeschworen werden: Auf der einen Seite die zur wissenschaftlichen Theologie unfähige Kirche und auf der anderen Seite die staatliche Universität, die dafür sorgt, was der Kirche heute eigentlich frommt. Das ist abenteuerlich. Evangelische Theologie erwächst nur auf dem Boden der Kirche. Sie hat von Hause aus einen kritisch-reflexiven Abstand zu aller ihrer Praxis, der mit Methoden der Wissenschaft wahrgenommen wird. Lässt es irgendeine Kirche am Willen zu solcher Theologie mangeln, dann ist sie an ihre Verantwortung für die theologische Selbstkritik zu gemahnen und nicht etwa noch tiefer in ihren vielleicht wahrzunehmenden Mangel hineinzustoßen. Kirchliche Hochschulen sind in diesem Sinne in Deutschland eine kräftige Erinnerung daran, dass freie wissenschaftliche Theologie zum Charakter einer evangelischen Kirche gehört. Ich bedauere es sehr, dass es in Berlin aus finanziellen Gründen nicht möglich war, wenigstens eine kleine Kirchliche Hochschule beizubehalten, durch welche die Kirche selber ihren Willen und ihre Fähigkeit zu einer freien Theologie vorbildlich für die im Ganzen doch ziemlich wirre Landschaft der Theologischen Fakultäten in Deutschland demonstriert.
Das könnte freilich nicht eine solche Theologie sein, die ihren Namen (Gottes-Lehre oder GottesReflexion) gar nicht mehr verdient. Graf bietet der Kirche Theologie als "historische Kulturwissenschaft des Christentums" an. Damit verabschiedet er sich nicht nur aus der "Champions-League" und der "Kreisliga" der Theologie auf einmal, sondern ist noch nicht einmal kundig, wie man auf einem ihrer simpelsten Bolzplätze einen Ball trifft. Er hopst stattdessen in ein Schwimmbecken, in dem von Leuten Wasserball gespielt wird, denen die Theologie der Kirche völlig wurscht ist. Denn nur für die "Kulturwissenschaft des Christentums" bedarf es keiner Theologen. Das kann die Kulturwissenschaft und die Religionswissenschaft auch ohne sie. Er fordert die Universität also auf, tüchtig theologische Professuren zu streichen und bringt die Kirche erst auf die dumme Idee, Theologie als Gegenentwurf zur Wissenschaft auszugeben. Das von ihm beklagte Verhältnis von wissenschaftlicher Theologie und Kirche in Bayern ist also ein von ihm selbst mit verursachtes betrübliches Szenarium.
Es ist aber damit noch nicht aller Tage Abend. Die Theologischen Fakultäten in Deutschland sind sich im Ganzen wohl bewusst, dass sie ein vertraglich vereinbartes "corpus mixtum" eines kirchlichen und eines wissenschaftlich-universitären Anliegens darstellen. Sie bilden junge Menschen für die Praxis der Kirche aus und sie tun das so, dass es am Ort wissenschaftlichen Vernunftgebrauchs und wissenschaftlicher Forschung einleuchtend ist. Ihnen liegt daran, mit der Kirche und der Wissenschaft auf einem Platz zu sein, obwohl dieser oder jener aus Angst, den Anschluss an die "Kultur" zu verlieren, in theologiefernen Gewässern allerhand Schwimmübungen macht. Aber - und damit soll es nun mit sporttheologischen Assoziationen genug sein - auch diese sind doch froh, wenn sie bei der Mannschaftsaufstellung der kirchlichen und theologischen Wissenschaft dabei sind: F. W. Graf als arg ruppiger Verteidiger theologischer Wissenschaft und ich vielleicht als einer, der seine selbstgewisse Breitbeinigkeit ein bisschen "tunnelt".
Prof. Wolf Krötke, Berlin
Prof. Dr. Walter Dietz schrieb uns am 18. 5. 2003:
Replik zu Fr. W. Grafs Artikel in der SZ v. 3./4.5.03
Cui bono, wem nützt's, wenn akademische Nordlichter vom "Profiverein" des FC 02 der Münchner Uni in beflissener Staatstreue gegen die Augustana-Hochschule zu Felde ziehen? Grafs Polemik bedient gängige Vorurteile des Manns auf der Straße: KiHos sind Stätten kirchlicher und beschränkt-theologischer Inzucht, deren Defizite heute mehr denn je ein Schließungsgrund sein müßten. Und: Wer derartige Anstalten, nicht schließt, der macht sich selbst zur Sekte.
Ist der Artikel auch voller Ignoranz und Arroganz, darf er sich positiver Resonanz sicher sein (vgl. die größtenteils Graf zustimmenden Leserbriefe in der SZ vom 17./18.Mai). Grafs Polemik verfehlt also nicht ihren Effekt, bei "outsidern" Vorurteile gegen die KiHos zu schüren - und bei "insidern", die Vorurteile gegen den FB 02 in München zu verstärken. Wenn dies ein renommierter Professor wie Fr. W. Graf tut, dann doch wohl wissend, was dieser Missbrauch seines Formats (als Leibniz-Preisträger), seiner Stellung und seines Amtes bewirken kann.
Die implizite Selbstdesavouierung der Münchner Nord- und Irrlichter darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß München eine theologische Fakultät darstellt, die zwar geschichtlich mit Erlangen nicht konkurrieren kann, aber in kürzester Zeit seit 1968 eine bedeutende Zahl an großen Gelehrten versammelt hat (F. Hahn, Jg. Jeremias, W. Pannenberg, Tr. Rendtorff). Bevor ich nach München gegangen bin, habe ich zwei Semester an der Augustana studiert (mit sehr effektiven Feriensprachkursen, so dass ich nach 1 Semester sprachkursfrei und nach 12 Semestern - trotz Doppelstudiums Theol / Philos. - "examensreif" war).
Beide Modelle bzw. Studienphasen hatten etwas für sich: In München bot sich ein umfangreiches Philosophiestudium an (R. Spaemann, A. Pieper, W. Beierwaltes) und die massiven Nachteile der Arcis-Bar gegenüber der Augustana-Bar ließen sich durch Biergärten kompensieren. Daher fände ich die Schließung der Münchner Fakultät (d.h. des dortigen FB 02) durchaus schade, wenngleich es weder für München noch für Bayern bzw. das süddeutsche Abendland der Untergang wäre.
Angesichts der bevorstehenden Wirtschaftskrise (s. Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung) wird eine Politik der reinen Besitzstandswahrung weder christlich noch ökonomisch vertretbar sein. Im Schulterschluss elitär-selbstbewußter Fakultäten an staatlichen Unis die KiHos ausbremsen zu wollen, scheint mir allerdings der falsche Weg. Er ist auch nur vertretbar, wenn man die Geschichte und Zielsetzung der KiHos fahrlässig bzw. gezielt fehlinterpretiert (vgl. Graf).
Grafs eindrucksvolles Votum für die Heilige Familie von rationaler Intellektualität, Kulturkonformität und Weltbezogenheit ist aus seiner Sicht durchaus stimmig. Ein positiver Grundton gegenüber den Chancen und Maßstäben staatlicher Fakultäten steht dem Staatsdiener gut an (gerade auch jenen im Freistaat, die aus dem hohen Norden kommen). Wer wollte diesen aufrichtigen, kulturprotestantisch verdichteten Geist der zutiefst staatsloyalen Opportunität je verdammen? Dies sei ferne! Aber ist denn in den staatlichen Lehranstalten erstens alles so viel rationaler, unbarbarischer und besser und zweitens dort alles Gold, was glänzt? Zunächst glänzt hier der Leibniz-Preisträger in dem ihm eigenen Lichte. Gut. Dann aber stehen vor der Tür bundesweit gravierende Strukturreformen. Diese zielen zurecht auf bessere Effizienz und optimale Erreichbarkeit der Profs (o München!), bringen aber auch vieles mit sich, was die Struktur der Universität rein betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten unterwirft (wobei man immerhin so offenherzig ist, von Studenten dann gleich als "Kunden" zu sprechen, was ja im Klartext heißt: Macht euch nicht nur auf das Ende der Humboldtschen Uni gefaßt, sondern auch auf satte Studiengebühren!
Hochnäsigkeit verbietet nicht nur die Anerkennung der Qualität der anderen (auch der KiHos), sondern leider auch den Blick auf die zeitgeistbedingten Schwachstellen im System. Natürlich können sich KiHos dem Druck dieses Zeitgeistes nicht völlig entziehen, in manchem aber alternative Modelle entwickeln, über das Grundmodell des Angebots einer Lebens- und Studiergemeinschaft mit exzellenten Arbeitsplatzbedingungen hinaus (vom zusätzlichen Programm im Blick auf Andachten, Sport etc. einmal zu schweigen).
Grafs Artikel hat durchaus das Verdienst, auf die Notwendigkeit hinzuweisen, dieses Alternativinteresse noch einmal von vorn durchzubuchstabieren und programmatisch zu machen. Was bedeuten Kirchliche Hochschulen, worin liegen ihre gesellschaftspolitischen, kirchen- und hochschulpolitischen Chancen? Wie stellt sich ihre "Komplementarität" zu den staatlichen Fakultäten dar? Warum braucht (!) gerade die Münchner Fakultät KiHos?
Auch wenn man in beiderseitigem Interesse nach evtl. Schließung des Münchner FB dessen Dozenten nicht nach Neuendettelsau strafversetzen wird - denn der Herr spricht (hier ist jetzt nicht Graf gemeint!): Die Strafe ist MEIN -: sie brauchen sie! Der von Graf so einseitig und verzerrt dargestellte Gründungsmythos der KiHos ist als vergangener insofern von Bedeutung, als er dazu verleiten kann, über die gegenwärtige Bedeutung und Legitimation ihrer Existenz nachzudenken. Graf hat also sicher darin Recht, daß die Existenz der KiHos weder selbstverständlich ist noch aus jenem Gründungsmythos für heute gültig abgeleitet werden darf. Und das Vorurteil Grafs, daß an den KiHos eine Logik binnenkirchlicher Abschottung ("Barbarei") maßgeblich sei und unordentlich berufene Dozenten dort auf akademischem Zweit- oder Drittklassniveau lehrten, kann auch ein gesunder Ansporn sein. Die vielen Graf zustimmenden Leserbriefe in der SZ (17./18.5.) zeigen, daß hier noch eine enorme Aufklärungsarbeit bevorsteht.
Der Münchner Notruf mündet ja in eine Diffamierung, die durchaus dem allgemeinen Vorurteil in der Bevölkerung entspricht. Trotzdem glaube ich (zur Ausgangsfrage "cui bono" zurückkehrend), dass Graf nicht nur sich und der Augustana, sondern der gesamten akademischen Theologie evangelischerseits in Bayern massiv geschadet hat. Sicher wird es auch bei diesem Ränkespielchen Gewinner geben, lachende Dritte. Sein Vorschlag, die Augustana zu schließen, ist übrigens nicht sehr neu. Originell ist nur seine Begründung, die so steil und schräg daherkommt, daß der seinerzeitige Vorschlag jetzt nicht mehr ernsthaft diskutiert werden kann (auch wenn die landeskirchlichen Mittel bekanntermaßen knapp sind). In der Augustana kann man Graf nur dankbar sein (auch wenn man ihm nie in rechter, Troeltscher Augenhöhe begegnen können wird, als würdiger Theologe nach seinem Bild): Wer solche Feinde hat, braucht die ernsthaften Gegner nicht mehr zu fürchten.
Prof. Dr. Walter Dietz
1975-76 in Neuendettelsau,
1984-87 Pfarrer (ELKB),
seit 1997 Dozent in Mainz.
Karl F. Grimmer schrieb uns am 18. 5. 2003:
Zur Reaktion von Herrn Seidelmann:
Auf die Frage, ob für die staatlichen Fakultäten und die kirchliche Augustana-Hochschule die gleichen Maßstäbe gelten, Sie also in dieser Beziehung in der gleichen Liga spielt, lässt sich schnell antworten: Die Augustana-Hochschule ist ordentliches Mitglied der Deutschen Hochschulrektoren-Konferenz. Sie ist von staatlicher Seite als Hochschule anerkannt und den Universitäten gleichgestellt. Ihre Promotions- und Habilitationsordnung wurde vom bayrischen Kultusministerium genehmigt. Insofern spielen die Fakultäten und die Augustana-Hochschule in der gleichen Liga.
Um bei der inzwischen allzu sehr traktierten Fußball-Metaphorik zu bleiben: Die Augustana hat ein anderes Spielsystem, sowohl aufgrund ihrer Ressourcen (kirchliches Umfeld) als auch ihrer Taktik (Freiräume für die Spielenden, d.h. Studierenden im Blick auf deren Intererssen, Erfahrungen und Studienziele). Offenbar macht dies für die Studierenden, die im "Team" einer Fakultät oder Hochschule nicht zu vernachlässigen sind, die Augustana-Hochschule zu einem attraktiveren Verein als die Münchner Fakultät.
Karl F. Grimmer, Petersaurach
Stephan Seidelmann schrieb uns am 13. 5. 2003:
Harte Worte für leider auch harte Fakten. Ohne Frage, der Artikel Grafs ist in seiner derzeitigen sprachlichen Gestalt harter Tobak. Daher sind die Rückschlüsse, es könne nur um ein letztes Aufbäumen der angeblich sterbenden Münchner Fakultät handeln oder/und es handle sich um den Ausdruck eines überzogenen Münchner Elitebewußtseins, nicht aus der Luft gegriffen. Aber hinter all' dem stecken auch Fakten, die sich trefflich in der Aufregung um die verletzenden Formulierungen vergessen lassen.
Machen wir es also besser, meine Damen und Herren, lassen wir den Herrn Graf, Herrn Graf sein und konzentrieren sich auf die Tatsachen hinter der Polemik. Ob mit oder ohne Herrn Graf: Der Protestantismus kann stolz sein auf seine Fakultäten bzw. die anspruchsvolle Ausbildung seiner Pfarrer/-innen. Denken und Glauben schließen sich zum Glück in unserer Kirche nicht aus. Nun stellt sich die Frage, welche Qualität dieses "Denken" haben muß. Stellt sich diese Frage wirklich? Eigentlich nicht! Zumindest nicht an den deutschen Universitäten! Tatsächlich gibt es in Deutschland so etwas wie etablierte Evaluierungsmaßstäbe für die Lehrkörper an den Universitäten. Gelten die den auch für die Theologieprofessoren? Aber was denn sonst!? Denn zum Glück gibt es noch eine zweite Tradition in unserer Kirche: Staat und Kirche sind zwar voneinander zu trennen, aber doch immer aufeinander bezogen: Will die Kirche und Theologie nicht ein weiteres Mal aus der Gesellschaft immigrieren und sich den Vorwurf, nur eine große, weltvergessene Selbsterfahrungsgruppe zu sein, erhärten, sollten die allgemein üblichen Standards auch für die evangelischen Fakultäten und Hochschulen gelten. (Schon auch deshalb, da nicht jeder Theologiestudent Pfarrer wird!)
Vor diesem Hintergrund liesse sich auch die Frage ganz einfach klären, in welcher Liga Neuendettelsau nun wirklich spielt. Aber warum antwortet darauf niemand? Stattdessen wird die Nähe zur Diakonie in Neuendettelsau betont. (Ohne Frage: Eine wirklich, und das meine ich ohne den Hauch einer Ironie, schöne Symbiose!) Jeder und jede, die so argumentieren, verwechseln Äpfel mit Birnen! Darum geht es nicht! Entweder die Augustana Hochschule kann auf Augenhöhe mit München und Erlangen spielen oder eben nicht. Kann es die Augustana Hochschule nicht, was keine Schande ist, dann sollte sie das bleiben, was sie nach dem Vertrag mit dem Freistaat Bayern auch ist: Durchgangsstation auf dem Weg zu den Universitäten! Nimmt die Hochschule diese Herausforderung einer ehrlichen Antwort in den nächsten Monaten nicht in Angriff, bleibt der Vorwurf Grafs im Raum stehen. Und Schweigen ist leider meistens schon eine Art der Bejahung.
Stephan Seidelmann, Theologiestudent in München
Tamara Huber schrieb uns am 12. 5. 2003:
1:0 für münchen
vielleicht hätten sich die profs von neuendettelsau ein bißchen mehr zeit für ihren ersatzspieler ulrich schadt nehmen sollen...
kann es wirklich sein, daß ein solcher beitrag ungesehen durch den filter des administrators rutscht? wie kann man nach diesen zeilen von ulrich schadt die argumentation von prof.dr.friedrich wilhelm graf in frage stellen?
ich jedenfalls wünsche ihnen, sehr geehrter herr schadt, eine "fromme einfalt", um ihre predigten in zukunft stilistisch besser zu meistern! aber natürlich sehe ich ein, daß das 2mal wöchentliche training so manchen an seine grenzen bringt und die d-jugend mit sätzen, wie "unfair finde ich den vergleich bundesliga(münchen)u. bayernliga", aushelfen muß.
mit freundlichen grüßen
tamara huber
Anmerkung des Administrators:
Auch dieser Artikel rutschte "durch den Filter des Administrators". Wir betreiben in diesem Forum keine Zensur, sondern lassen die Texte stehen, wie sie sind, solange sie nicht beleidigend oder ehrabschneidend sind.
Stefan Merz schrieb uns am 10. 5. 2003
Wer in einer Art wie dieser polemisiert, lässt vermuten, dass seine Kenntnisse der Wirklichkeit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern eher begrenzt sind. Ansonsten sollte ihm nämlich bekannt sein, dass der Großteil des Gemeindelebens eben auf den von ihm verspotteten - nicht nur fränkischen - „Dorfbolzplätzen“ stattfindet. Da er sich jedoch offenbar besser im Fußballmilieu auskennt, hätte er selber den Haken seiner Forderung erahnen sollen: Er fordert - wie ein etwas arroganter Vorstand eines Dorfsportvereines - die Einsetzung eines Bundesligaprofitrainers für seine Freizeitkicker. Aber er fragt sich nicht, welchem seiner Kicker es möglich wäre, ein tägliches Training nach den Ansprüchen der Profiliga zu absolvieren. Nicht etwa der Aufstieg in die nächste Klasse, sondern das Ende des Vereins, dessen Spieler zu anderen Mannschaften gewechselt haben, wäre die Folge.
Die Auswertung des Projektes „Treten Sie ein“ des Kirchenkreises Nürnberg ergab, dass gerade die Angebote, die nicht auf Belehrung und theologische Information, sondern auf spirituelle Erfahrungen setzten, gefragt waren. Die Mehrzahl der Gemeindeglieder will sich offenbar nicht jeden Sonntag früh von einer Pfarrerin oder einem Pfarrer belehren lassen, der die Kirche mit einem Hörsaal, den Talar mit einem Professorenrock und die Gemeinde mit dummen Studierenden verwechselt. Hätte Herr Graf vor seinem Artikel das Gespräch mit den Gliedern unserer Kirche gesucht, hätte er feststellen können, dass dieser Wunsch nicht nur von den Christinnen und Christen im Großraum Nürnberg geteilt wird.
Wer wie Herr Graf die evangelische Kirche als mögliche Sekte brandmarkt, sollte sich fragen, ob es heute nicht der Entwurf der kulturprotestantischen, „evangelisch-melanchthonianischen“ Kirche ist, die sich von den Bedürfnissen der Menschen absondert, indem er Gottes Geist, der in der Kirche wehen will, durch die mechanischen Methoden der theologischen Wissenschaft zu ersetzen sucht. Und er soll sich fragen, ob die wünschenswerte Alternative zur Gemeinschaftsaktivität Dorffußball wirklich die Bundesliga ist: die Leistungsschau der hochdotierten, skandalumwehten Profis, derer wenige sich abmühen, während die große Masse mehr oder minder unbeteiligt zusieht - vor dem Fernseher und mit der Bierflasche in der Hand.
Ich möchte „meine“ Oberpfälzer Dorfgemeinde jedenfalls nicht dagegen eintauschen!
Pfarrer Stefan Merz, Unterköblitz
Alexander Rahm schrieb uns am 9. 5. 2003:
Graf - (Melanchthon + Schleiermacher + Troeltsch) = ?
Da haben wir sie in dem Artikel der SZ (3.5.2003) beieinander - die ganz Großen der Theologie: Philipp Melanchthon, Friedrich Schleiermacher, Ernst Troeltsch und - Friedrich Wilhelm Graf. Melanchthon war maßgeblich an der Confessio Augustana beteiligt, Schleiermacher hat Platon übersetzt, Troeltsch ein Meister-Denker des liberalen Kulturprotestantismus - und Graf? - Ja, Graf klärt uns auf, dass die Kirchlichen Hochschulen ein Übel der Menschheit sind. Also bloß weg damit.
Besonders weh getan hat mir an dem ganzen Artikel folgende Bemerkung: "Schon die Gründungsorte Kirchlicher Hochschulen spiegeln die Bindung an wissenschaftsferne Lebenswelten: Man suchte die Nähe zu Missionshäusern oder diakonischen Anstalten (...)". Diakonische Anstalten werden als Negativum aufgeführt. Diesen nahe zu sein, führt zur Wissenschaftsferne. Und der Wissenschaft fern zu sein, ist nach Graf offensichtlich das Schlimmste, was passieren kann.
Aber - pardon! - einer Wissenschaft, die sich nicht mit Diakonie vereinbaren lässt, würde ich nicht nahe kommen wollen. Mein Verständnis von Wissenschaft ist ein anderes: Nicht Reflexion der Reflexion soll sie sein, sondern Reflexion der Praxis oder Reflexion für die Praxis. Und was kann es da besseres geben als die "Praxis" (= Diakonie) direkt vor der Haustüre zu haben?
Zum Schluss eine kleine mathematische Aufgabe: Wie groß ist eigentlich Herr Graf, wenn man von ihm Melanchthon und Schleiermacher subtrahiert? Einen Troeltsch? Ja, aber wie groß ist er, wenn man den auch noch von ihm subtrahiert?
Diesen Artikel schrieb der Freizeitkicker und künftige Sekten-Guru
Alexander Rahm
Andreas Dreyer schrieb uns am 8. 5. 2003
Zur Polemik des Herrn Graf ist folgendes festzuhalten:
Sie enthält historische Unrichtigkeiten und Widersprüche: Es ist falsch, dass der Katholizismus in der Priester- und Lehrerausbildung 'auf strengste Kontrolle durch staatliche Autoriäten setzte'. Vielmehr hat er sich im Verlauf der Geschichte häufig dagegen gewandt und andere Wege eingeschlagen.
Die Entstehungsgeschichte der KiHos wird undifferenziert und pauschaliert dargestellt 'gegründet durch kirchl. Traditionsvereine ab 1905. Das ist so einfach falsch.
Die Behauptung, man habe an den Orten der KiHos eine fromme Gegenwelt aufgebaut, entbehrt jeden Tatsachenbeweises!
Die Anerkennung von KiHo-Semestern durch die Landeskirchen war keinesfalls verursacht durch 'einen neuen protestantischen Klerikalismus', sondern war ein Entgegenkommen für die Examenskandidaten in den achtziger/neunziger Jahren, die aufgrund der sog. Theologenschwemme an den Universitäten sehr schlechte Bedingungen zur Vorbereitung auf das Examen vorfanden.
Absoluter Unsinn ist es, die Übergangszeit zwischen Kriegsende und Gründung der Bundesrep. als 'Traumperiode' (so Graf) zu bezeichnen - sachgemäßer wäre wohl Alptraum. Es wäre noch viel zu sagen, aber dabei lasse ich es bewenden. Letzter Kommentar: ich habe die Augustana in den achtziger Jahren als sehr kompetent und wissenschaftlich erlebt, nicht zu Unrecht galt damals wie heute: die Augustana bereitet sehr gut aufs universitäre Studium vor, wer an der Augustana beginnt (und/oder sich dort aufs Examen vorbereitet), hat überdurchschnittlich gute Chancen auf ein gutes Examen.
mfg
andreas dreyer
Dr. Andreas Heyl schrieb uns am 7. Mai 2003:
Auch ich habe mich sehr geärgert über die Ausfälle des Herrn Graf. Offensichtlich fürchtet hier jemand um seine eigene Pfründe und haut wild auf andere ein. Einen ganz üblen Beigeschmack hinterläßt es bei mir, wenn sich jemand selbst attestiert, "auf den vorderen Plätzen der akademischen Bundesliga (zu) spielen oder die Trophäen der wissenschaftlichen Champions League nach Hause (zu) bringen".
Arbeitsaufwändiger wäre es vielleicht, sehr geehrter Herr Graf, einmal den eigenen Narzißmus unter die Lupe zu nehmen! In der "Klerikalliga Süd" wird jedenfalls eine gründliche psychologische Selbstbeobachtung und -wahrnehmung gelehrt.
Ulrich Schadt aus Grötzingen schrieb uns am 4. Mai 2003:
Die Kritik von Herrn Prof. Dr. Friedrich Wilhelm Graf "Unkulturprotestantismus in der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung 3/4. Mai 2003, S 13, ist unter der Gürtellinie! Das Entstehen von Kirchlichen Hochschulen ist einseitig geschildert und ist teilweise falsch, betrifft nur Bethel. Unfair finde ich den Vergleich Bundesliga (München) und Bayernliga. Ich erinnere mich gerne an das Studium in Neuendettelsau. Es bereitete auf die Uni vor, bei mir war es Bonn und die Profs hatten dort wenigstens Zeit.
Lassen Sie sich durch solche Kritik nicht entmutigen. Ich hoffe auf kritische Leserbriefe in der Süddeutschen.