Emeritus für Kirchengeschichte
Prof. Dr. W. Sommer

- Prof. Dr. W. Sommer
Werdegang
- Dr. Wolfgang Sommer, geb. 1939 in Berlin
- Theologiestudium in Berlin, Tübingen und Erlangen
- Vikar in Bamberg und Ruhmannsfelden
- Assistent an der Kirchlichen Hochschule Berlin (1966-1970)
- Promotion zum Dr. theol. mit einer Arbeit über die Christologie Friedrich Schleiermachers (1970)
- Pfarrer und Religionslehrer in der bayerischen und hannoverschen Landeskirche (Memmingen und Hameln/Weser)
- Dozent für Kirchen- und Theologiegeschichte an der Theologischen Akademie Celle (1974-1986)
- Habilitation für Kirchen- und Dogmengeschichte in Göttingen mit einer Arbeit über das Obrigkeitsverständnis lutherischer Hofprediger im 16. und 17. Jahrhundert (1986)
- Privatdozent für Kirchengeschichte an der Universität Göttingen (1986-1988)
- Seit 1988 Professor für Kirchen- und Dogmengeschichte an der Augustana-Hochschule in Neuendettelsau
Lehrkonzept
In vier aufeinanderfolgenden Vorlesungen wird ein Gesamtüberblick über die Kirchen-, Dogmen- und Theologiegeschichte geboten, der auf eine verstehende Aneignung eines kirchengeschichtlichen Grundwissens zielt. In der Konzeption der Vorlesungen sind thematisch ausgerichtete Längsschnitte mit Querschnitten und Einzelausschnitten verbunden, so daß die parallele Vielfalt der historischen Fakten und Prozesse deutlich werden kann, von deren gemeinsamer Wahrnehmung aus erst ein geschichtliches Verstehen möglich ist. Die thematischen Schwerpunkte der Überblicksvorlesungen sind so konzipiert, daß auf der Darstellung der Theologiegeschichte ein Hauptakzent liegt. Allerdings geht das Bemühen dahin, daß die historischen Zusammenhänge mit der politischen und sozialen Geschichte sowie mit der Institutionsgeschichte des Christentums deutlich werden. Immer wichtiger erscheint mir in der Darstellung der Kirchengeschichte die frömmigkeitsgeschichtliche Dimension zu sein. Hier wirkt die neuere Forschung in verschiedene Epochen der Kirchengeschichte befruchtend und anregend auf Theorie und Praxis der kirchengeschichtlichen Lehre ein.
Innerhalb des Gesamtüberblicks über die rund 2000jährige Kirchengeschichte ist die Darstellung der Kirchen- und Theologiegeschichte des 20. Jahrhunderts besonders wichtig. An den Themen der kirchlichen Zeitgeschichte haben die Studierenden ein großes Interesse, an das die kirchengeschichtliche Lehre sinnvoll und fruchtbar anknüpfen kann. Dies gilt nicht nur für die Zeit des Ersten Weltkrieges, der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus, sondern auch für die Kirchengeschichte nach 1945 in den beiden deutschen Staaten.
Schon die Darbietung der Gesamtkirchengeschichte in den Überblicksvorlesungen versucht, durch reichhaltiges Zitieren von Quellentexten an die jeweils darzustellende Epoche so nahe wie möglich heranzuführen. Die vertiefende Arbeit und die Interpretation der Quellenzeugnisse ist den Seminaren und Übungen vorbehalten. Jede Vorlesung wird aber durch das Angebot einer Übung begleitet, in der parallel zu den Themenschwerpunkten der jeweiligen Vorlesung entsprechende Quellentexte wahrgenommen und interpretiert werden.
- Im kirchengeschichtlichen Proseminar geht es um eine Einführung in die Disziplin der Kirchengeschichte in methodischer und thematischer Hinsicht. Schwerpunkt der Arbeit bildet die methodische Einübung in die Interpretation kirchengeschichtlicher Quellentexte.
- Das Hauptseminar möchte die Studierenden im Gespräch mit der Forschung zu selbständiger wissenschaftlicher Arbeit an zentralen bzw. auch speziellen Quellentexten der Kirchen-, Dogmen- und Theologiegeschichte anleiten. Themen und Texte für die kirchengeschichtlichen Pro- und Hauptseminare werden aus allen Epochen der Kirchengeschichte angeboten. Interdisziplinär ausgerichtete Seminare zwischen Kirchengeschichte und Systematischer Theologie bzw. Praktischer Theologie haben sich in letzter Zeit als sehr sinnvoll erwiesen.
- Das Oberseminar bietet ein Forum zur Vorstellung und Diskussion laufender Forschungsprojekte, vor allem kirchengeschichtlicher Dissertationen. Es ist kein geschlossenes Doktorandenkolloquium, sondern hier werden für kirchengeschichtlich besonders Interessierte gerade fertiggestellte bzw. laufende Arbeiten vor allem aus der Kirchengeschichte der Neuzeit vorgestellt. Der Hauptakzent liegt auf dem Austausch und dem Gespräch über gegenwärtig diskutierte Problemstellungen.
- Das Repetitorium dient der Erweiterung und Vertiefung der kirchengeschichtlichen Kenntnisse zur Vorbereitung auf das Examen. In dieser Lehrveranstaltung werden den Teilnehmerinnen und Teilnehmern auch verschiedene Arbeitsmaterialien an die Hand gegeben, mit deren Hilfe die wiederholende Aneignung der kirchengeschichtlichen Einzelfakten und Zusammenhänge erfolgen kann (inklusive Probeklausur unter Examensbedingungen).
- Ein wichtiges Lehrangebot zur Ergänzung und Erweiterung des kirchengeschichtlichen Studiums besteht in Übungen zur Hymnologie und zur bayerischen Kirchengeschichte.
Forschungsschwerpunkte
In den letzten Jahren hat sich am Lehrstuhl für Kirchen- und Dogmengeschichte ein Forschungsschwerpunkt entwickelt, der sich besonders mit der Theologie- und Frömmigkeitsgeschichte in der Frühen Neuzeit befaßt. Für den Lehrstuhlinhaber sowie für den wissenschaftlichen Assistenten, Pfr. Dr. Marcel Nieden, stellt die Kirchen-, Theologie- und Frömmigkeitsgeschichte des späten 16. und vor allem des 17. Jahrhunderts einen Arbeitsschwerpunkt mit folgenden Themenstellungen dar: Die Beziehung von Politik zu Theologie und Frömmigkeit in der Geschichte der lutherischen Hofprediger, die Geschichte der Predigt zur Zeit der lutherischen Orthodoxie, das Verhältnis von lutherischer Orthodoxie zum Pietismus, Teilnahme an der gegenwärtig im Aufschwung befindlichen, interdisziplinär ausgerichteten Johann Arndt-Forschung, Konzeptionen der evangelischen Theologenausbildung und Studien zur Geschichte des evangelischen Pfarrerstandes in der Frühen Neuzeit. Die Themen der zuletzt fertiggestellten kirchengeschichtlichen Dissertationen widmen sich der Geschichte der Predigt zur Zeit der lutherischen Orthodoxie, einem Forschungsfeld, das auch in der sozialhistorisch ausgerichteten Frühneuzeitforschung in den vergangenen Jahren bedeutende Untersuchungen hervorgebracht hat. Für die kirchenhistorische Forschung stellen die zahlreichen Predigtbände und Erbauungsschriften in der nachreformatorischen Kirchen-, Theologie- und Frömmigkeitsgeschichte zentrale Quellen dar, zu deren Bearbeitung die Kirchengeschichte mit den allgemeinhistorischen Disziplinen in einen notwendigen, fruchtbaren Austausch treten kann. In der kirchengeschichtlichen Forschung hat die Predigt als Quelle historischer Untersuchungen bisher noch wenig Aufmerksamkeit gefunden. Für die nachreformatorische Kirchen-, Theologie- und Frömmigkeitsgeschichte kommt aber der Predigt eine entscheidende Bedeutung zu, so daß, ausgehend von der Haupttätigkeit der Pfarrerschaft in ihrer größtmöglichen Ausstrahlung in alle Bevölkerungskreise hinein, die Konturen der frühneuzeitlichen Konfessionskirchen und Gesellschaften deutlicher gezeichnet werden können.
Veröffentlichungen (in Auswahl)
Selbständige Veröffentlichungen
- Schleiermacher und Novalis. Die Christologie des jungen Schleiermacher und ihre Beziehung zum Christusbild des Novalis. Bern und Frankfurt a.M. 1973 (Europäische Hochschulschriften, Reihe XXIII, 9)
- Gottesfurcht und Fürstenherrschaft. Studien zum Obrigkeitsverständnis Johann Arndts und lutherischer Hofprediger zur Zeit der altprotestantischen Orthodoxie, Göttingen 1988 (Forschungen zur Kirchen- und Dogmengeschichte, 41)
- Kirchengeschichtliches Repetitorium. Göttingen 1994, 2. Aufl. 1997
- Wilhelm von Pechmann und die bayerische Landeskirche zur Zeit des Nationalsozialismus. Neuendettelsau 1997
- Politik, Theologie und Frömmigkeit im Luthertum der Frühen Neuzeit. Göttingen 1999 (Forschungen zur Kirchen- und Dogmengeschichte, 74)
Herausgegebene Werke
- Antwort aus der Geschichte. Beobachtungen und Erwägungen zum geschichtlichen Bild der Kirche. Walter Dreß zum 65. Geburtstag. Berlin 1969
- Walter Dreß: Evangelisches Erbe und Weltoffenheit. Gesammelte Aufsätze. Berlin 1980
- Zeitenwende -Zeitenende. Beiträge zur Apokalyptik und Eschatologie. Stuttgart u.a. 1997 (Theologische Akzente 2)
- Mitherausgeber der Reihe: "Die Lutherische Kirche. Geschichte und Gestalten". Gütersloher Verlagshaus
Aufsätze
- Cusanus und Schleiermacher. In: Neue Zeitschrift für Systematische Theologie und Religionsphilosophie, 1970, 85-102
- Der Zusammenhang von Praktischer Theologie und Pädagogik in Schleiermachers Religionspädagogik. In: Der evangelische Erzieher. Zeitschrift für Pädagogik und Theologie, 1978, 321-341
- Konfession und Toleranz. In: Luther. Zeitschrift der Luther-Gesellschaft, 1979, 128-135
- Obrigkeits- und Sozialkritik in lutherischen Regentenpredigten des frühen 17. Jahrhunderts. In: Daphnis. Zeitschrift für Mittlere deutsche Literatur. Sonderband: Predigt und soziale Wirklichkeit. Hrsg. v. Werner Welzig, Amsterdam 1981, 113-141
- Schleiermachers Stellung zu den reformatorischen Bekenntnisschriften. In: Kongreßbericht des Internationalen Schleiermacher-Kongresses, Berlin 1985, 1061-1074.
- Johann Arndt und Joachim Lütkemann. Zwei Klassiker der lutherischen Erbauungsliteratur in Niedersachsen. In: Jahrbuch der Gesellschaft für Niedersächsische Kirchengeschichte 84, 1986, 123-144
- Die Stellung Semlers und Schleiermachers zu den reformatorischen Bekenntnisschriften. In: Kerygma und Dogma 35, 1989, 296-315
- Christlicher Glaube und Weltverantwortung. Martin Luthers Beziehungen zu seinen Landesherren. In: Jahrbuch der Gesellschaft für Niedersächsische Kirchengeschichte 89, 1991, 39-59
- Johann Arndt im Amt des Generalsuperintendenten in Braunschweig-Lüneburg. In: Die lutherische Konfessionalisierung in Deutschland. Hrsg. v. Hans-Christoph Rublack. Gütersloh 1992, 299-311 (Schriften des Vereins für Reformationsgeschichte 197)
- Die Stellung lutherischer Hofprediger im Herausbildungsprozeß frühmoderner Staatlichkeit und Gesellschaft. In: Zeitschrift für Kirchengeschichte 106, 1995, 213-228
- Widerstand aus christlichem Glauben bei Dietrich Bonhoeffer. In: Korrespondenzblatt der diakonischen Gemeinschaften von Neuendettelsau 12, 1995, 177-184 und 1, 1996, 5-10
- Das Kirchenverständnis Martin Luthers und die Kirche von heute und morgen. In: Korrespondenzblatt der diakonischen Gemeinschaften von Neuendettelsau 11, 1996, 145-154
- Luthers letzte Predigt. In: Luther. Zeitschrift der Luther-Gesellschaft, 1996, 58-66
- "Höllenfahrt der Selbsterkenntnis" bei Johann Georg Hamann. In: Identität im Wandel in Kirche und Gesellschaft. Festschrift zum 60. Geburtstag von Richard Riess. Hrsg. v. Dietrich Stollberg u.a., Göttingen 1998, 138-146
- Christlicher Glaube und Weltgestaltung in der Kirchengeschichte. Das Verhältnis von Kirche und Welt in der Reformationszeit und im Pietismus. In: Was schulden die Christen der Welt? Weitergabe des Glaubens und Weltverantwortung. Hrsg. v. Wolfgang Seibel und Gunther Wenz, Regensburg 1998, 58-77
- Johann Reinhard Hedinger als Hofprediger in Stuttgart. In: Pietismus und Neuzeit 24, 1998, 160-185
- Wilhelm v. Pechmann. In: Profile des Luthertums. Biographien zum 20. Jahrhundert. Hrsg. v. Wolf-Dieter Hauschild, Gütersloh 1998, 541-558
Prof. em. Dr. Wolfgang Sommer: prof.wolfgang.sommer@t-online.de