Feministische Theologie

Prof. Dr. Renate Jost

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Prof. Dr. Renate Jost

Werdegang

Biographisches

  • 6.5.1955 in Darmstadt geboren
  • 1974–1976
    • Studium der Evang. Theologie an der Kirchlichen Hochschule in Bethel
    • Mitarbeit an der archäologischen Grabung Tel Masos in Israel
  • 1976–1978 Studium an der Georg August Universität Göttingen; zweite Frau im „Amt" der Seniorin in der langen Geschichte des Theologischen Stiftes; erste Begegnung mit Feministischer Theologie
  • 1978–1980 Studium an der Philipps-Universität Marburg; Besuch von Tagungen zum jüdisch-christlichen Dialog; Mitbegründerin einer Frauengruppe am Fachbereich; Organisation des ersten autonomen Seminars im Interesse Feministischer Theologie mit Prof. Dr. Hannelore Erhart zum Thema „Hexen"
  • 2.12.1980 1. Theologisches Examen
  • 1981–1982 Stipendium des ÖRK für ein Studienjahr am Union Theological Seminary, New York (Studium feministischer Theologien mit Prof. Dr. Beverly Harrison und Prof. Dr. Phyllis Trible) und an der City University of New York (mit der Sozialwissenschaftlerin Prof. Dr. Joan KeIly). Sozialpolitisch-theologische Studienreise nach Puerto Rico, in die Dominikanische Republik und nach Mexiko.
  • 1982–1984 Lehrvikarin in Offenbach
  • 26.4.1984 2. Theologisches Examen
  • 1984 Spezialvikariat in der Gemeindeberatung der EKHN. Organisation der zweiten Werkstatt Feministische Theologie in der EKHN
  • 9.12.1984 Ordination
  • 1984–1988: Gemeindepfarrerin in Frankfurt
    • Gründung eines Frauentreffs, Seminare in der Gemeinde und in der Fortbildung für Pfarrerinnen und Pfarrer zu Fragen Feministischer Theologie
    • Erste Lehraufträge – seit ihrer Gründung (1986) Mitglied in der Europäischen Gesellschaft für theologische Forschung von Frauen (ESWTR)
    • PfarrerInnenaustausch mit den USA
    • Projektarbeit in Nicaragua
    • Dekanatsstudienfahrt nach Indien
  • 1989–1993: Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fach Altes Testament bei Prof. Dr. Willy Schottroff an der J.W. Goethe Universität, Frankfurt
    • Arbeit an einer Dissertation
    • Archäologische und interreligiöse ökumenische Studienreise mit Studierenden nach Israel
    • Mitarbeit im Forschungsprojekt Hedwig Jahnow an der Universität Marburg (Forschungen zu methodisch-hermeneutischen Fragestellungen im Fachgebiet AT)
    • Frauenbeauftragte des Fachbereichs Evangelische Theologie, Mitarbeit am Frauenförderplan
    • Mitinitiatorin der Ringvorlesung Feministische Theologie
    • Entwicklung eines Curriculums zur Feministischen Theologie
  • 19.7.1994 Promotion zur Doktorin der Theologie mit der Arbeit: Frauen, Männer und die Himmelskönigin. Exegetische Studien zu Jer 7,17–18 und Jer 44,15–25.
  • 1993–1997: Studienleiterin am Anna-Paulsen-Haus, dem Frauenstudien- und -bildungszentrum der EKD, u.a. neben der Arbeit zu Fragen aus der kirchlichen Praxis:
    • Durchführung von wissenschaftlichen Tagungen zur Hermeneutik (z.B. 100 Jahre Woman's Bible – Spiritualität und die Autorität der Bibel-Feministischen Hermeneutik und Erstes Testament)
    • Tagung der deutschsprachigen Alttestamentlerinnen der ESWTR, Jubiläumstagung der ESWTR
    • Lehrbeauftragte für das Fach AT an der Universität Frankfurt
    • Kontaktfrau für die deutsche Sektion der ESWTR
  • 1997–2003: Dozentin für Theologische Frauenforschung / Feministische Theologie an der Augustana-Hochschule in Neuendettelsau
    • Arbeit an meiner Habilitation
    • Prüferin im Fach Altes Testament
    • Vortragstätigkeit
    • Nebenamtliche Studienleiterin für Feministische Theologie an der Ev. Akademie in Tutzing
    • Vortragsreise zur Lutherischen Universität in El Salvador
  • 17.7.2003 Habilitation zur Dr. habil. mit der Arbeit: Aus der Wildnis. Gender, Sexualität und Macht in der Anthropologie des Richterbuches
  • seit 2003 Professorin für Theologische Frauenforschung / Feministische Theologie ebenda
  • 2005–2008: Gründungsmitglied und Vorsitzende der Augustana-Hochschulstiftung
  • 2007: Vortragsreise an die Gurukul University, Chennai, Indien
  • 2008–2010: Rektorin der Augustana
    • Vorsitzende der Kirchlichen und Religiösen Hochschulen in der Hochschulrektorenkonferenz
    • 2009: Gespräche mit der Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, Prof. Dr. Margret Wintermantel, zur Stellung der Religiösen und Kirchlichen Hochschulen
    • Vortrag im Rahmen der AG mit Differenzierung der Hochschulen des Wissenschaftsrats 2009 zum Thema „Die Augustana-Hochschule als Beispiel kirchlicher Hochschulen”
    • Vortrag vor dem Landeskirchenrat zum Baukonzept der Augustana-Hochschule
    • 2010: Genehmigung des Baukonzepts der Augustana-Hochschule durch die Synode der Landeskirche
    • Besuch des Staatsministers Dr. Wolfgang Heubisch an der Augustana-Hochschule
  • 2009: Gründung des Internationalen Instituts für Feministische Forschung in Theologie und Religion an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau
  • WS 2013 Visiting Professor at Harvard Divinity School
  • WS 2014 Forschungs- und Lehrtätigkeit an der Faculté libre de théologie protestante de Montpellier

Internationale Zusammenarbeit

Eine internationale Zusammenarbeit besteht

  1. durch die Kooperation mit dem JFSR (Journal für Feminist Studies in Religion – Prof. Dr. Elisabeth Schüssler Fiorenza, Harvard; Prof. Dr. Kwo Pui Lan, Episcopal Divinity School, Boston)
  2. die Mitgliedschaft (als Gründungsmitglied und zeitweilige Präsidentin der deutschen Sektion) in der ESWTR (European Society für Women in Theological Research)
  3. die Mitgliedschaft in der SBL (Society of Biblical Literature).
  4. durch das externer Link Internationale Institut für Feministische Forschung in Theologie und Religion an der Augustana-Hochschule
  5. mit dem externer Link Fakultätsschwerpunkt „Theologische Frauen- und Geschlechterforschung“ der Universität Graz.
    Vgl. hierzu auch den externer Link Artikel im Online-Magazin der Universität Graz


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Warum ich Feministische Theologin bin

Zum Theologiestudium hat mich verschiedenes motiviert: Mein Engagement in der Kirchengemeinde, auch der „Dritte Welt"-Gruppe, meine Suche nach einer tragfähigen Spiritualität, meine Lust an den biblischen Geschichten vor allem des Ersten Testaments, meine Neugierde auf andere (Denk-) Welten. Im Studium lernte ich die Freiheit des kritischen Denkens, den Reichtum der theologischen Traditionen und die Vielfalt unterschiedlicher Lebens- und Arbeitsformen schätzen. Im jüdisch-christlichen Dialog entwickelte ich meine protestantische Identität im respektvollen Gespräch mit Frauen und Männern einer Religion, der wir unsere Ursprünge verdanken. Die Frauenbewegung motivierte mich, meine Erfahrungen und die Erfahrungen anderer Frauen und Männer in ihrer Verschiedenheit auch für die wissenschaftliche Arbeit fruchtbar zu machen. Meinem Aufenthalt am Union Theological Seminary in New York und den vielen Begegnungen während meiner Studienreisen verdanke ich, Feministische Theologie im Horizont der weltweiten Ökumeme zu sehen. Mein beruflicher Werdegang, bei dem ich immer wieder zwischen kirchlicher Praxis und wissenschaftlicher Theologie wechselte, hilft mir, beides kritisch aufeinander zu beziehen.

Auf dem Hintergrund dieser Erfahrungen möchte ich Theologiestudierende dabei begleiten, ihre eigene theologische Existenz zu entwickeln: eine theologische Existenz, die die Liebe zur christlichen Tradition mit dem Eros kritischen Denkens, das neue Horizonte eröffnet, und mit einer lebensbejahenden Spiritualität verbindet; eine theologische Existenz, die die eigenen Erfahrungen als Frau und Mann und die anderer Frauen und Männer aus fremden gesellschaftlichen, kulturellen und religiösen Zusammenhängen ernst nimmt; eine theologische Existenz der es gelingt, wissenschaftliche Theologie und kirchliche Praxis miteinander zu verbinden.

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Lehrkonzept

Kompetenz in Genderfragen hat sich in den letzten Jahren zu einer grundlegenden Qualifikation in allen Bereichen kirchlicher und gesellschaftlicher Arbeit entwickelt. Sie ist unverzichtbare Voraussetzung für kirchliche Leitungsämter.

Die feministisch-theologischen Lehrveranstaltungen vermitteln den Studierenden Basiswissen über Themen und Fragestellungen in Theologischer Frauenforschung / Feministischer Theologie und Theologischen Geschlechterstudien und ihrer wissenschaftlichen Erforschung, sowie vertieftes Wissen in ausgewählten Schwerpunkt- und Spezialgebieten. Sie sind so konzipiert, dass sie eine optimale Vorbereitung auf die Zwischenprüfung (als Ersatz für eine mündliche exegetische Prüfung) und auf die Theologische Aufnahmeprüfung (z.B. für Hausarbeiten oder mündliche Prüfungen in Fach AT) gewährleisten.

  1. In einem mehrteiligen Turnus werden Vorlesungen (2-stündig) zu zentralen Themenbereichen „Feministische Bibelauslegung“, „Feministische Seelsorge“, „Feministische Christologie“, u.a. angeboten. Die Vorlesungen sind interaktiv, Themenschwerpunkte werden zu Beginn festgelegt.
  2. Ziel der Übungen (z.B. „Feministische Theologie im Film“) und des Proseminars ist es, in die Methodik und Fragestellungen Feministischer Theologie in unterschiedlicher Intensität einzuführen.
  3. Die Hauptseminare dienen der schwerpunktmäßigen Vertiefung. In der Auseinandersetzung mit Quellentexten und einschlägiger Fachliteratur werden in der gemeinsamen Diskussion klassische Schlüsselthemen der feministisch-theologischen Wissenschaft (z.B. „Liebe und Sexualität“, „Theologie und Biographie“) erschlossen und kritisch reflektiert.

Insgesamt zielt das Lehrangebot im Fach „Feministische Theologie“ darauf, die Studierenden in die Lage zu versetzen, zentrale Problemstellungen und Forschungsdebatten der feministisch-theologischen Wissenschaft in exegetischer, historischer sowie theologischer Hinsicht eigenständig und methodisch qualifiziert reflektieren zu können. Dabei steht immer auch die persönliche und gesellschaftliche Relevanz der Themen im Mittelpunkt.

Beispielhafte Themen von Lehrveranstaltungen

  1. Gesellschaftliche Aspekte: zur Situation von Frauen in Beruf und Kirche
  2. Zugänge zu feministischen Theologien
  3. Feministische Hermeneutiken
  4. Exegese verschiedener biblischer Bücher, z.B. Buch Rut, Buch Ester oder Gender, Sexualität und Macht in der Anthropologie des Richterbuches
  5. Große Frauen der Bibel
  6. Gott-Göttin
  7. Feministische Liturgie- und Seelsorgekonzepte
  8. Ansätze feministischer Theologinnen weltweit: Chung Hyung Kyun, Ivone Gebara, Nelli Ritchie, Maria Clara Lucetti Brigemer, Dorothee Sölle, Phyllis Tribble …
  9. Hexenwahn – Zauberei und Magie: in Vergangenheit und Gegenwart
  10. Feministische Theologie in Literatur und Film
  11. Liebe und Sexualität in Feministischer Theologie
  12. Väter-/Mütterbilder. Ideologiekritische Perspektiven

Vorträge

Übersicht der Vorträge PDF-Dokument von Frau Prof. Jost in den Jahren 2008 -2012.


Prüfungsrelevanz

Als Gradmesser der Institutionalisierung kann die Prüfungsrelevanz gelten. Die Prüfungshoheit haben nach wie vor die Landeskirchen. In der Evangelischen Landeskirche in Bayern (ELKiB) konnte inzwischen Folgendes erreicht werden:

Da ich im Fach Altes Testament habilitiert bin und dort prüfe, können Themen aus dem Bereich Theologische Frauenforschung / Feministische Theologie und Genderforschung für die Klausuren, mündlichen Prüfungen oder wissenschaftlichen Hausarbeiten eingebracht werden.

Für die Zwischenprüfung ist der erfolgreiche Besuch mindestens einer Lehrveranstaltung im Fach Theologische Frauenforschung / Feministische Theologie erforderlich.

Neben der Systematik, der Praktischen Theologie und der Religions- und Missionswissenschaft kann eine Prüfung in diesem Fach als Ersatz für eine mündliche Prüfung gewählt werden.

An der Augustana ist eine Lehrveranstaltung in Theologischer Frauenforschung / Feministischer Theologie für alle Studierenden verpflichtend. Es gehört zum Wahlpflichtbereich.

In der Ausbildungsordnung für PfarrverwalterInnen wird der Besuch einer Lehrveranstaltung in Theologischer Frauenforschung / Feministischer Theologie ausdrücklich erwünscht.

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Forschungen

Forschungsschwerpunkte

Feministisch sozial- und kulturwissenschaftliche Exegese der Hebräischen Bibel, Institutionalisierung Feministischer Exegese und Theologie, feministische Spiritualität, Studien zum weiblichen Christkind.

Publikationen

Vollständige aktuelle Literaturliste  ( Stand: 14.01.2013) im pdf-Format zum Downloaden PDF-Datei

 

Essays zum Download

Promotionen

Abgeschlossen

  1. Feminismus und Judentum – Gender issues im jüdisch-christlichen Dialog (Kathrin Winkler).
  2. Developing a Model of Feminist Pastoral Care to Empower Sumbanese Women in Decisision Making (Asnath Niwa Natar).

Aktuell

  1. Die Theologische Anthropologie von Wolfhart Pannenberg – Geschlecht –Neurobiologische Hirnforschung. Interdisziplinäre Betrachtungen zur Geschlechterdebatte aus theologischer ‚philosophischer und neurobiologischer Sicht (Rosemary Hofmann).
  2. Die veränderte Rolle der Frau im Reformjudentum – Von der führenden Position jüdischer Frauen in den Literarischen Salons der (Früh-)Rumantik, über die Entstehung des Reformjudentums, bis hin zur gegenwärtigen Situation (Stephanie Geyer).

Internationale Zusammenarbeit

Eine internationale Zusammenarbeit besteht

  1. durch die Kooperation mit dem JFSR (Journal für Feminist Studies in Religion – Prof. Dr. Elisabeth Schüssler Fiorenza, Harvard; Prof. Dr. Kwo Pui Lan, Episcopal Divinity School, Boston)
  2. die Mitgliedschaft (als Gründungsmitglied und zeitweilige Präsidentin der deutschen Sektion) in der ESWTR (European Society für Women in Theological Research)
  3. die Mitgliedschaft in der SBL (Society of Biblical Literature).
  4. durch das externer Link Internationale Institut für Feministische Forschung in Theologie und Religion an der Augustana-Hochschule
  5. mit dem externer Link Fakultätsschwerpunkt „Theologische Frauen- und Geschlechterforschung“ der Universität Graz.
    Vgl. hierzu auch den externer Link Artikel im Online-Magazin der Universität Graz

Praxisprojekte

Folgende Praxisprojekte werden von mir wissenschaftlich begleitet bzw. auch mitorganisiert:

  1. Das Fernstudium Feministische Theologie in Bayern und Baden Württemberg
  2. Die Feministisch Theologische Tagung der Evangelischen Akademie Tutzing
  3. Die Feministisch Theologische Basisfakultät des Deutschen Evangelischen Kirchentages;
  4. Ein Filmprojekt zum Thema: Frauen in den Religionen (fünf Filme à 55 Minuten, die von Arte gesendet werden).

Perspektiven

Theologische Frauenforschung / Feministische Theologie / Gender Forschung sind vor allem auch durch die Institutionalisierung einer Professur seit über zwanzig Jahren an der Augustana Hochschule präsent. Dies zeigt sich u.a. auch in der Benennung des Gebäudes, in dem die Lehrveranstaltungen des Faches stattfinden, in „Dorothee-Sölle-Haus“, sowie der umfassenden Sammlung feministisch-theologischer Literatur, die im Elisabeth-Schüssler-Fiorenza-Zimmer auch als Präsenzbibliothek weiten Kreisen zur Verfügung steht.

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Die Professur

Zur Entstehung und Bedeutung von Feministischer Theologie/Theologischer Frauenforschung allgemein

1974, das Jahr in dem ich anfing Theologie zu studieren, fand die Sexismuskonsultation des Ökumenischen Rates in Berlin statt. Für viele wird diese Konsultation als erstes Datum aufgefaßt, in dem die feministisch-theologische Bewegung in Deutschland greifbar wird. Dies macht deutlich, daß feministische Theologie nicht in erster Linie aus der kritischen Reflexion an den Universitäten, sondern aus der kirchlichen Praxis entstanden ist.

Die Wurzeln der feministisch-theologischen Bewegung sind vielfältig. In der römisch-katholischen Kirche erhielt sie Impulse von der kritischen Laien- und Laiinnenbewegung und der theologischen Debatte im Gefolge des Zweiten Vatikanischen Konzils. In den protestantischen Kirchen kamen wichtige Impulse aus der Arbeit des Ökumenischen Rates der Kirchen. Historisch lassen sich ihre Wurzeln noch weiter zurückverfolgen in die Geschichte der konfessionellen Frauenbewegung, der Evangelischen Frauenhilfe, des Deutsch-Evangelischen Frauenbundes und des Katholischen Frauenbundes. Vereinigungen, die um die Jahrhundertwende gegründet wurden. Ein weiterer Ursprungskontext heutiger feministischer Theologie ist die im deutschen Protestantismus seit der Weimarer Republik intensiv geführte Diskussion um die sogenannte Theologinnenfrage, die seit Ende der sechziger Jahre zur uneingeschränkten Zulassung von Frauen zum Pfarrerinnendienst und -amt geführt hat.

In den verschiedenen Ansätzen und Entwürfen Feministischer Theologien spiegeln sich die unterschiedlichen regionalen und historischen Traditionen des Feminismus wider. So prägen auf der einen Seite humanistische, aufklärerische, liberale, sozialistische und gynozentrische Feminismustraditionen die Arbeit feministischer Theologinnen. Auf der anderen Seite sind sie bestimmt durch unterschiedliche konfessionelle Bindungen und Theologietraditionen. Feministische Theologie versteht sich von Anfang an in einem ökumenischen Horizont, doch ist die Bindung an die jeweilige Konfession oder Religion (wie z.B. die jüdische Feministische Theologie) immer erkennbar. Dazu kommt der jeweilige Orientierungsrahmen wie z.B. (Befreiungs-) Theologie, Strukturalismus/Semiotik oder die tiefenpsychologische Archetypenlehre. Daneben spielen auch die verschiedenen methodischen Zugehensweisen, wie sie in der Theologie üblich sind, wie die historisch-kritische, die sozialgeschichtliche, literaturwissenschaftliche, kulturkritische, sprachkritische Methode, eine Rolle. Schließlich ist vor allem bei den wissenschaftlich forschenden Frauen auch der fachspezifische Diskurs in der Wissenschaftsdisziplin, aus der sie entstammt, prägend: seien es die historische, sytematische oder die praktische Theologie.

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Entstehung der Professur

1989 gründete sich in Bayern ein Arbeitskreis „Institutionalisierung theologischer Frauenforschung/feministisch-theologischer Forschung und Lehre an den Evangelisch-Theologischen Fakultäten in Bayern". Er wurde getragen von der Evangelischen Akademie in Tutzing, dem Arbeitsbereich Frauen in der Kirche, Frauenbeauftragten der Evangelisch-Theologischen Fakultäten, Studentinnen und Wissenschaftlerinnen 1 . Intendiert war, feministisch-theologische Forschung auf einer Ebene zu institutionalisieren, die Kontinuität und Qualifizierung garantierte. Um hierfür eine Konzeption zu entwickeln, wurde 1991 eine Konsultation durchgeführt , und es fanden Gespräche mit Professoren der Fakultäten Erlangen und München und der Augustana-Hochschule statt. Im Frühjahr 1993 wurden mehrere Anträge auf Errichtung eines „Lehrstuhls für Theologische Frauenforschung an der Augustana Hochschule" an die bayerische Landessynode gestellt 2 . Die Synode beschloß, daß ein „Lehrstuhl für Theologische Frauenforschung" an einer der bayerischen Fakultäten oder der Augustana-Hochschule errichtet werden solle, und bat den Landeskirchenrat, Verhandlungen zur Realisierung mit dem zuständigen Staatsministerium und mit den Theologischen Fakultäten bzw. der Augustana-Hochschule zu führen. Ein weiterer Beschluß der Landessynode vom Frühjahr 1994 sah vor, für den Fall, daß eine staatliche Finanzierung an einer Universitätsfakultät nicht zu erreichen ist, die Errichtung des Lehrstuhls an der Augustana-Hochschule zu prüfen. Auf der Synode im November 1994 wurden diese Beschlüsse dahingehend modifiziert, eine zeitlich begrenzte C2-Förder-Professur für junge Professorinnen für die Dauer von sechs Jahren entsprechend der finanziellen Möglichkeiten zu errichten. Der Hochschulrat der Augustana-Hochschule beschloß in seiner Sitzung am 14.7.1995 einstimmig, diese Professur für „Theologische Frauenforschung/Feministische Theologie" an der Augustana-Hochschule zu etablieren. Um auch Frauen ohne Habilitation die Möglichkeit zu geben, sich auf diese Stelle zu bewerben und sich zu qualifizieren, wurde im Mai 1996 schließlich an der Augustana-Hochschule die Dozentur für Theologische Frauenforschung/Feministische Theologie (C1, C2) ausgeschrieben, auf die ich im Herbst 1997 berufen wurde. Nach meiner Habilitation im SS 2003 wurde die Dozentur zum 1.10.2003 in eine Professur (C3) umgewandelt.

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Grundsätzliches Anliegen der Professur

In meinem Verständnis von Theologischer Frauenforschung/Feministischer Theologie kann ich mich weitgehend den Ergebnissen der EKD-Komission „Förderung theologischer Frauenforschung" anschließen. In ihrem Bericht werden aufgrund neuerer Diskussionen die Begriffe „Theologische Frauenforschung/Feministische Theologie" durch „Gender Studies" ergänzt, um anschließend die jeweils damit verbundenen unterschiedlichen Akzente darzulegen: „Der Begriff der Frauenforschung erinnert an die Notwendigkeit, die verdrängte und ignorierte Geschichte und Kultur von Frauen zu erforschen, der Begriff der Geschlechterforschung macht die Frage als Frage einer Interdependenz zwischen den Geschlechtern deutlich und der Begriff der feministischen Forschung hält fest, daß es um die Revision und Korrektur der historischen Asymmetrie in den Geschlechterverhältnissen geht.

Theologische Frauenforschung, Feministische Theologie und Gender Studies

  1. sind Forschung über Frauen, deren Erfahrungen, Motivationen und Lebenssituationen in der Geschichte der Kirche und der von ihr mitgeprägten Gesellschaft;
  2. sind Forschung aus der Sicht von Frauen, insofern darin ihre historisch geprägten Perspektiven auf und Zugehensweisen zu Themen des Glaubens und der Theologie zum Ausdruck kommen;
  3. untersuchen, inwieweit die gesellschaftlichen Konstruktionen der Geschlechter Theologie und Kirche auf der Symbolebene, der strukturalen Ebene und der Ebene der Individualität beeinflußt haben und umgekehrt: inwieweit Theologie und Kirche die gesellschaftlichen Konstruktionen der Geschlechter geprägt, legitimiert, kritisiert oder verändert haben;
  4. implizieren Wissenschaftskritik. Darin haben sie teil an der neueren Wissenschaftssoziologie, die Wissenschaft konsequent als ‚gesellschaftliche Tätigkeit' begreift. Sie verweisen insbesondere auf die Perspektivität und Kontextualität jeglichen Erkenntnisprozesses und decken die Androzentrik bisheriger Themenbestimmung und Theoriebildung auf. Sie setzen dagegen eine bewußte Forschungstätigkeit zur Überwindung androzentrischen Denkens und patriarchaler Strukturen;
  5. sind im Kontext der Frauenbewegung entstanden. Die Wechselwirkung von Forschung und sozialer Bewegung gehört zu ihren konstitutiven Merkmalen. Dementsprechend suchen sie nach Methoden und Arbeitsformen, die den Zusammenhang von Lebenswelt und Wissenschaft, subjektiver Befindlichkeit und Theoriebildung reflektieren 3.

Theologische Frauenforschung/Feministische Theologie und Gender Studies sollten in allen theologischen Fächern berücksichtigt werden. Doch ist es bei der gegenwärtigen Ausdifferenzierung nicht mehr möglich, alle Diskurse in diesem Bereich zu überblicken und gleichzeitig im Gespräch mit den jeweiligen Fachdisziplinen zu stehen. Deshalb ist es sachgemäß, daß die Dozentin für Theologische Frauenforschung/Feministische Theologie schwerpunktmäßig in einer theologischen Disziplin arbeitet. Für mich ist dies das Alte Testament. Da Praxisbezug und Interdisziplinarität von Anfang an zu den Anliegen Feministischer Theologie gehören, ich mich in den vergangenen zwanzig Jahren feministisch-theologisch auch mit systematischen, ethischen, praktisch-theologischen und ökumenischen Fragestellungen beschäftigt habe und zudem von seiten der Augustana-Hochschule der Wunsch besteht, feministisch-theologische Fragestellungen über das Alte Testament hinaus zu berücksichtigen, werden Themen aus anderen theologischen Disziplinen von mir v. a. in der Lehre aufgenommen werden. Dabei werde ich mich innerster Linie auf den jeweiligen feministischen Diskurs beziehen.

Anmerkungen:

  1. Folgende Frauen gehörten dem Arbeitskreis an: Christine Gerber (ehemalige Frauenbeauftragte der Evang.-Luth. Fakultät der Universität München), Barbara Hauck (ehemalige Frauenbeauftragte der Evang.-Luth. Fakultät der Universität Erlangen), Beate Hofmann (Pfarrerin), Jutta Höcht-Stöhr (Studierendenpfarrerin, München), Christine Karrer (Pfarrerin), Bärbel Mayer-Schärtel (Pfarrerin, ehemalige Assistentin an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau), Uta Pohl (Frauenbeauftragte der Evang.-Luth. Fakultät der Universität München), Dr. Brigitte Probst (ehemalige Theologische Referentin des Arbeitsbereiches Frauen in der Kirche), Bärbel Schieder (Pfarrerin, ehemalige Studierendenpfarrerin an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau, Frauenbeauftragte), Petra Seegets-Paege (ehemalige Frauenbeauftragte der Evang.-Luth. Fakultät der Universität Erlangen), sowie zeitweise Silvia Jühne, Iris Kircher, Marita Hübner, Christine Stradtner.
  2. Dieser Antrag wurde gestellt vom Arbeitskreis „Institutionalisierung" bzw. dem Arbeitsbereich Frauen in der Kirche, vom bayrischen Theologinnenkonvent und von der Studierendenschaft der Augustana-Hochschule. Diese Anträge wurden unterstützt von der Pfarrerkommission, dem Pfarrerinnen- und Pfarrerverein der Evang.-Luth. Kirche in Bayern und vom Hochschulrat der Augustana-Hochschule.
  3. Abschlußbericht der EKD-Kommission „Förderung theologischer Frauenforschung", 8f.

E-Mail

Professorin Dr. Renate Jost: renate.jost@augustana.de

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